Als einen seiner Wahlkampfschwerpunkte hat Jürgen Rüttgers in seinem Neujahrsbrief angekündigt, er wolle mit NRW „beim Wirtschaftswachstum, bei den Patenten, bei den Unternehmensgründungen, bei der PISA-Studie in zehn Jahren Bayern einholen“.
Da bricht also im beginnenden Landtagswahlkampf wieder der alte von der Union gerne vom Zaun gebrochene Vergleich des „zweitklassigen Nordrhein-Westfalen“ und dem „Musterland Bayern“ herbeigezogen um dem Wahlvolk einzutrichtern, wie schlecht es ihm hier geht und wie das gelobte Land unter einer Unionsregierung aussieht: Grüne Wiesen, Berge, Bier – und vor allem Hochtechnologie und ein Image à la „Laptop und Lederhosen“ kennzeichnen dieses Wunderland unter immerwährender CSU-Regierung – kurzum ein nachzueiferndes Vorbild für alle CDU-Ministerpräsidenten und eine Drohkulisse für alle sozialdemokratisch regierten Bundesländer.
Das NRW in dieser Vergleichsszenerie gerne als das kohlestaubverdrecktes, an der Schwerindustrie festhaltendes und veraltetes Arbeiterland präsentiert wird, wurde bisher von zu vielen Leuten einfach hingenommen.

Als überzeugter Bewohner unseres schönen NRW (wenngleich ich das mit der Zusammenlegung von Rheinland und Westfalen noch immer nicht ganz einsehen möchte) und gleichzeitig ein Viertel Bayer finde ich, dass es an der Zeit ist, mit diesen ungerechten und unwahren Vorurteilen einmal aufzuräumen:
Das Bild des viel gepriesenen „Musterlandes“ im Süden der Republik mit seinem enormen Wirtschaftswachstum, seinem grandiosen Bildungsstand und hohen Staatseinnahmen aus der Zukunftstechnologie entspricht nicht wirklich der Realität. NRW ist immer noch das wirtschaftsstärkste Bundesland, die NRW-Bildung ist nicht schlechter (und die bayerische Bildungspolitik der Elitebildung nicht die Lösung der „Pisa-Probleme“) und Zukunftsaussichten auch nicht negativer.
Auch was die wunderbare Landschaft und die niedrige Arbeitslosigkeit betrifft, so kann NRW tatsächlich sogar in vielen Teilen mithalten: Natürlich gibt es hier keine 2980 Meter hohen Alpen und Dortmund hat nicht das Panorama von Oberstdorf – aber mit ein bisschen Objektivität lassen sich durchaus reale Vergleiche ziehen:
Vergleicht man einmal nicht Gelsenkirchen mit Starnberg, sondern nimmt die umliegenden Städte und Gemeinden der Metropolen Köln und Düsseldorf, so müssen diese dem Speckgürtel um München in Wirtschaftskraft und Lebensstandart in nichts nachstehen.
Vergleicht man die Eifel mit dem bayerischen Wald, so wird man ebenfalls landschaftliche Schönheit bei besserer Infrastruktur und Erholungspotenzial finden.
Manche Gemeinde im Münsterland unterschreitet locker die Arbeitslosigkeit der bayerischen Spitzenregionen – und ganz im Ernst, als jemand der Bayern sehr gut kennt: Wenn man in den bayerischen Regierungsbezirken Oberfranken oder der Oberpfalz lebt, wünscht man sich förmlich, nach Ostwestfalen umziehen zu können.
Natürlich hat NRW noch eine Menge vor sich und Städte wie Gelsenkirchen, Herne oder Bottrop zeigen Handlungsbedarf für den Strukturwandel – schaut man sich aber in der direkten Nachbarschaft (z.B. Oberhausen) um, so sieht man, dass der Strukturwandel hier bereits geglückt ist.
Und eines darf man bei dem immerwährenden Vergleich nicht vergessen: Bayern hat noch bis Anfang der 1990er Jahre von den Geldern gelebt, die in Städten wie Gelsenkirchen, Herne oder Hamm erwirtschaftet wurden. Jetzt, wo unser Land die Altlasten tragen muss, redet man sich in Bayern gerne heraus.


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2 Kommentare

  1. Klaus 24. Februar 2005 · 10:53 Uhr

    Hallo,
    ich finde, als ein ex -düsseldorfer müssen sich Stadtviertel wie: D -Oberkassel, Lörick, MB -Büderich oder Osterath wirklich nicht verstecken vor Bayern. Anstelle der ständig hochgelobten TU München muß die tüchtige RWTH Aachen als erste unter den Hochschulen nach wie vor genannt werden.
    Was die „Schwerindustrie“ angeht: Man soll endlich aufhören, sich ständig einreden zu lassen,
    dass Schwerindustrie altmodisch, rückständig, schmutzig sei. In Japan gelten ohne weiteres die Stahlindustrie (die sowieso high-tech -gesteuert ist) und die Elektronik Industrie miteinander vereinbar, und das auf einem von nicht ganz 500 km langen Küstenstreifen. Die Produktionsmengen in Japan wie in USA liegen in der Schwerindustrie wesentlich höher!
    Übrigens……… ohne Stahlblech KEIN BMW!… Da fliegt dir doch das Blech weg!
    Außerdem ist nicht ganz in Ordnung, daß die Kaltwalzindustrie als nur noch geduldet gilt, liefert sie doch einen erheblichen Wirtschaftsbeitrag.( Eben auch für BMW).
    Für die Zukunft sehe ich allerdings in NRW schwarz, falls die Pläne, die Zahlen der Studienplätze in den Ing.-wissenschaften zu verringern, sich durchsetzen, denn damit sägt man sich den Ast ab, auf dem man sitzt,es kommt nicht auf die absolute Höhe der Studentenzahlen an, sondern auf den Anteil in INg. -wiss, zumindest in den modernen Varianten von Maschinenbau und E -technik, den ohne diese wird das Land wirklich zum Entwicklungsland. Auch kaufmännische und Medien- Wirtschaftszweige können hier nur sehr bedingt einen Ausgleich schaffen, man muß die Angst vor der Industrie fallen lassen, wenn man die Zukunft gewinnen will!
    Viel GRüße
    Klaus Günther

  2. Dieter Mergelkuhl 8. März 2005 · 17:23 Uhr

    Hallo,
    Wenn ich den Herrn Rüttgers immer höre, dann dreht sich immer mein Magen um,ich muß annehmen der hört was und quarkt das nach.
    Wir in Nordrhein-Westfalen waren und sind das größte Industrieland, Stahlindustrie mit moderne Siemens-Martin-Öfen, Ruhrkohle die man auch abbauen will, Autohersteller FORD, OPEL und Zulieferer, Dienstleistung-Uternehmen, Haushaltsgräte Hersteller nur einige zunennen.

    Herr Rüttger NRW hat auch 38 Jahre den „Freistaat-Bayer“ mit Geldern unterstütst, weil die Kumpels die vor Kohle lagen und förderten,Die Stahlindustrie boomte,auch unsere andere Arbeit hatte VOLLBESCHÄFTIGUNG.

    Der Parteifreund von Ihnen Herr Rüttgers, Edmund Stoiber Ministpräsident im „Freistaat-Bayer“ den sie als VORBILD nehmen, hat einen uralt ansässigen Stahl-Unternehmen nicht geholfen, besteht nicht mehr, der große Medien-Konzern Kirch besteht nicht mehr, man könnte weiter auf zählen, eines muß ich noch hier bringen: Die Länder-Kammer in Berlin Der Bundesrat, wo auch Edmund Stoiber sitzt, hat man viele die da NEIN sagen, überwiegend ihre Parteifreunde von CDU und CSU, wir wissen wo das Schiff hin geht, mit uns Sozialdemokraten in NRWSPD nicht, HERR RÜTTGERS.

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.