Gestern gab es ein schönes Interview mit dem deutsch-russischen Schriftsteller Wladimir Kaminer (Russendisko) zu den Folgen der Debatte über die ’sogenannte‘ Visa-Affäre.

SPIEGEL ONLINE: Außenminister Fischer hat selbst eingeräumt, dass er bei der langsamen Korrektur des Visa-Verfahrens in Kiew Fehler gemacht hat.

Kaminer: Er hat in der fraglichen Zeit vor allem dafür gesorgt, dass heute keine deutschen Soldaten im Irak in die Luft gejagt werden. Das halte ich für geringfügig wichtiger als die Regularien der Konsulabteilung in Kiew.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig ist es denn Ihrer Erfahrung nach für Ukrainer oder Russen ein Besuchsvisum zu bekommen?

Kaminer: Ich habe eine private Umfrage in meinem Freundeskreis gestartet. Danach hat in letzter Zeit nur ungefähr jeder zehnte, der einen Antrag auf ein Besuchsvisum stellte, auch eines bekommen. Eine Bekannte wollte letztes Jahr ihre Freundin aus der Ukraine einladen. Das Konsulat hat zunächst Briefwechsel gefordert; dann Telefonrechnungen, die ausweisen, dass sie miteinander telefoniert haben; schließlich ein Video, auf dem sie beide zusammen zu sehen sind. Aber auch das Video half nichts: Sie bekam eine Absage.

SPIEGEL ONLINE: Sie reden so, als handelte es sich bei den meisten Deutschen um Ausländerfeinde.

Kaminer: Nein, aber im Vergleich zu den Amerikanern oder Briten begreifen die Deutschen Einwanderung noch immer nicht als Chance und Bereicherung für die Wirtschaft und Kultur ihres Landes, sondern als Bedrohung. Sie sterben wohl lieber schlechtgelaunt aus, als junge Ausländer hereinzulassen, die den Laden hier wieder in Schwung bringen. Aber wahrscheinlich brauchen die Deutschen – wie viele Völker – immer Feinde. Nachdem die Kommunisten sich glücklicherweise verabschiedet haben, kämpft Deutschland jetzt an allen Fronten gegen Ausländer: Islamisten, Hassprediger und Terroristen-Schläfer aus den arabischen Ländern; die Vietnamesen sind Zigarettenschmuggler, die Nigerianer Heroinhändler – und jetzt noch die Ukrainer als Huren, Diebe und Schwarzarbeiter.


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