Hatte gerade eine interessante Diskussion mit einem Kumpel zum Thema Bildungspolitik in NRW. Da fällt schnell mal der Kampfbegriff der „Einheitsschule“ die Jürgen ‚Schön, daß ich in NRW studieren durfte‘ Rüttgers in NRW unbedingt verhindern möchte.

Als allererstes muß man ja mal anmerken: Zu verhindern gibt es hier nichts. Fakt ist: Peer Steinbrück möchte (und muß) in der nächsten Legislaturperiode das Bildungssystem in NRW anpacken. Aber wie die Änderungen aussehen sollen – das ist noch nicht völlig klar. Hier wird es zu Diskussionen mit verschiedenen Interessensvertretern kommen – damit wir am Ende ein gutes Ergebnis für NRW vorzuweisen haben. Ich zitiere mal aus unserem Wahlprogramm:

Das Wertvollste, was wir haben, sind unsere Kinder. Sie sind unsere Zukunft. Deshalb brauchen sie eine gute Gegenwart. Unabhängig davon, welchen Beruf und welche Ausbildung ihre Eltern haben. Unabhängig davon, über wie viel Vermögen ihre Eltern verfügen. Unabhängig davon, in welchem Stadtteil sie leben. Unabhängig davon, aus welchem Land ihre Vorfahren zu uns nach Deutschland gekommen sind. Wir wollen, dass die Kleinen groß rauskommen.

Und genau hier sind wir beim springenden Punkt: Chancengleichheit (ein Punkt auch beim Thema Studiengebühren – aber dies ist eben ein anderes Thema). Bratislav hat das in seinem Blog sehr schön angerissen:

So bleibt Deutschland auch weiterhin in jedem Bundesland mit seinem dreigliedrigen Schulsystem rückständig. Spätestens durch die PISA-Studie ist dies besonders im Vergleich mit den skandinavischen Ländern aufgefallen. Und vieles spricht für eine grundlegende Reform des Schulsystems und längeres gemeinsames Lernen:
Die Dreiteilung ab der 5. Klasse in Gymnasium, Real- und Hauptschule bedeutet eine zu frühe Einschränkung auf einen Bildungsweg, eine niedrige Durchlässigkeit, bestärkt soziale Selektion, bietet wenig Gestaltungsfreiheit sowie individuelle Förderung und ist unflexibel in Hinblick auf die demografische Entwicklung

Statt dessen reiben sich die CDU in völlig unnötigen Glaubenskriegen gegen die Gemeinschaftsschule (oder wie war der Kampfbegriff der Konservativen? Achja: Einheitsschule) auf. Ich meine: Die Zeichen der Zeit sind eindeutig – und trotzdem wirft uns die CDU (völlig abwegig und polemisch) Gleichmacherei im Bildungssystem vor. Ich sage es mal so: Hier werden dringende Reformvorhaben für Macht und Polemik zu Grabe getragen. Aber dann soll Jürgen ‚Welche Meinung hab ich eigentlich nochmal?‘ Rüttgers doch bitte mal erklären wie die Gleichmacherei einer Gemeinschaftsschule in den skandinavischen Ländern zu sehr guten Ergebnissen im Pisa-Test führen konnte.

Aber man sollte mal die Betroffenen zu Wort kommen lassen. Bei fluter.de schreibt der 16jährige Fabian Müller aus Düsseldorf:

Ich bin 16 Jahre alt und gehe auf das Georg-Büchner-Gymnasium in Düsseldorf. Da ich mich sehr für Politik, besonders für Schulpolitik, interessiere, habe ich mich vor kurzem mit einem Freund näher darüber unterhalten. Zuerst haben wir uns einmal die Sichtweisen der Politiker und der Experten angeschaut und dabei festgestellt, dass sich die meisten da doch recht einig sind, dass nämlich grundsätzlich in Deutschland mehr Geld für Schule und Bildung ausgegeben werden muss.

Daraufhin haben wir angefangen, im Internet nach Lösungen für das Problem der schlechten Ergebnisse bei Pisa II zu suchen. Wir sind auf einige Experten und Parteien gestoßen, die eine Art „Gemeinschaftsschule“ wollen – eine Schule, in der die Schüler/innen von der ersten bis zur zehnten Klasse mit- und voneinander lernen. Nachdem wir diesen Schultyp „gefunden“ hatten, waren wir uns sicher, dass wir so etwas wollen. Doch leider stieß diese Forderung in unserer Klasse nicht gerade auf Zustimmung. Viele fanden, dass das nichts bringt, wenn gute und schlechte Schüler/innen zusammen unterrichtet werden. Aber so könnten starke Schüler/innen die schwachen fördern und ihr eigenes Wissen festigen – denn Gelerntes verschwindet nur allzu oft aus den Köpfen von uns Schüler/innen, wenn eine Klausur zu einem bestimmten Thema vorbei ist.

Aber das wäre nicht die einzige Aufgabe der Gemeinschaftsschule. In einer solchen Schule ist eine Klasse bis zu zehn Jahren als Gemeinschaft zusammen. Es würde also keine „Brennpunktschulen“ mehr geben, da Schüler/innen aus jeder sozialen Schicht vertreten wären. Gewalt an der Schule könnte man so gut und einfach in den Griff bekommen. Nachdem wir diese Argumente unserer Klasse vorgelegt hatten – unsere SOWI-Lehrerin hat uns dabei sehr unterstützt – waren die meisten von solch einer neuen Schulform überzeugt. Ich hoffe, dass viele Menschen genauso denken wie wir beide, damit die Politiker endlich was ändern.

Auch in der TAZ findet sich ein schöner Artikel zu einer Studie zum Thema von Dr. Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin ein Freund der skandinavischen Bildungspolitik und sehe keinen Grund die Lehren dieser Politik nicht auch hier in Deutschland zu verwenden. Natürlich ist dies noch keine Position der Partei sondern eine ganz persönliche. Aber ich denke nicht, daß mir meine (so sie denn mal kommen) Kinder verzeihen würden, wenn ich nicht versuchen würde ihre Bildungschancen zu optimieren, nur um kurzfristig Stimmung gegen den politischen Gegner zu machen – wie es eben Jürgen Rüttgers meiner Ansicht nach tut.

Aber sehen wir es mal positiv: Die SPD war den Konservativen in Sachen Bildungspolitik (1970 legte die sozialdemokratische Bundesregierung unter Willy Brandt mit der Öffnung der Universitäten für die Massen einen ersten bildungspolitischen Meilenstein. Er wurde ermöglicht durch die Abschaffung von Studiengebühren, neue Bildungskonzepte und eine breitgestreute BAföG-Förderung; Heute übernimmt die Union unsere Ideen zur Ganztagsschule, nachdem sie auch diese lange, lange Zeit verteufelt hat) immer ein paar Schritte voraus – sie werden es auch noch lernen ;-)


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5 Kommentare

  1. Niklas 23. April 2005 · 13:03 Uhr

    „Fakt ist: Peer Steinbrück möchte (und muß) in der nächsten Legislaturperiode das Bildungssystem in NRW anpacken. Aber wie die Änderungen aussehen sollen – das ist noch nicht völlig klar.“

    Peer Steinbrück – Klarer Kurs ?!!?

    Den Wählern wird nicht (!) klar gesagt, was die SPD wirklich will. Dabei gehört die Bildungspolitik doch sicherlich zu den wichstigsten Themen und auch Peer Steinbrück – mit seinem klaren Kurs (?) – sollte ganz klar sagen, ob er die Einheitsschule will oder nicht! (Im nur 19-seitigen Wahlprogramm findet man – nicht nur zu diesem Thema – keine klare Stellungnahme).

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