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Kaum war es erschienen, da wollte es auch schon keiner haben. Das Buch „Worum es heute geht“ von Jürgen Rüttgers. Und wenn es nach der Welt am Sonntag geht, wird das auch so bleiben. Ein Auszug aus der Buchrezension:

Ärgerlich ist dieses Buch vor allem aus drei Gründen:

1. Alles Mögliche wird behauptet, nichts empirisch belegt. Wir haben in dem Buch nicht eine einzige Quellenangabe gefunden. Daß Jürgen Rüttgers mit Vorliebe in der ersten Person Plural oder mit Hilfe von Passivkonstruktionen formuliert, also subjektive Weltsicht als objektiv zu tarnen versucht, ist ebenso erschütternd wie die Bedenkenlosigkeit, mit der er in lupenreinem Trendreporterdeutsch zu formulieren sich traut.

Kaum eine Seite, auf der nicht ein „immer stärker“, „immer mehr“, „immer weniger“ oder „zunehmend“ steht. (Hübsch: „Immer mehr Grenzen fallen.“, Seite 26. Noch hübscher: „Menschen werden immer mehr ausgegrenzt.“, Seite 96. Am hübschesten, weil mit integrierter Stilblüte: „Die (…) „Wissensarbeiter‘ nahmen in allen westlichen Gesellschaften in den Neunzigerjahren verhältnismäßig am stärksten zu.“, Seite 29)



2. Manchmal sogar meint man, einen Wachtturm in den Händen zu halten („Wir brauchen wieder einen inneren Kompaß.“, S. 199). Das ist insofern besonders bemerkenswert, als Rüttgers niemand Geringeren als Immanuel Kant, den Philosophen der Aufklärung und der Ideologiefreiheit, zum Patron seines Marschs in die „neue Moderne“, sprich in die neue Freiheit und Selbstverantwortung auserwählt hat. Während der CDU-Politiker aber den Freiheitsbegriff inhaltlich bestimmt, indem er „richtiges“ von „falschem“ Leben trennt, ging es Kant nie um inhaltliche Festlegungen, sondern lediglich um die Rahmenbedingungen, die Freiheit ermöglichen.

3. Rüttgers, CDU-Kandidat für das Ministerpräsidentenamt im größten Bundesland, verspricht auf seinen Wahlplakaten „neue Kraft“, „neue Ideen“. In seinem neuen Buch über die „neue Moderne“ sind neue Ideen jedoch Mangelware. Was er schreibt, hat man schon woanders und vor allem besser, fundierter gelesen (etwa: Peter Glotz, Die beschleunigte Gesellschaft, erschienen 1999; Meinhard Miegel, Die deformierte Gesellschaft, 2002).

Sollte es noch Zweifel gegeben haben an der Ratlosigkeit auch des CDU-Spitzenmanns, wenn es darum geht, Lösungen drängender politischer Aufgaben zu liefern, hier werden sie beseitigt. Ist der Markt für politische Ideen etwa schon gesättigt? Ein Spitzenpolitiker greift zu einem Marketingtrick und behauptet, seine Antworten von vorgestern seien neu. Arme Politik.

Nach so einer Rezension kann einem der gute Rüttgers ja fast leid tun.


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6 Kommentare

  1. Fredson 9. Mai 2005 · 14:52 Uhr

    Das JR sich nicht in den Annalen der deutschen Geistesgeschichte verewigt, hatte ich ja schon geahnt.

    Aber sein Buch bewegt sich jetzt schon im sechsstelligen Bereich in Sachen Verkaufsrang. Neunhundertausend und ein paar Gequetschte bei amazon.de.

    Bevor wir ihm den Namen Rosamunde Pilcher verleihen, wird es wohl noch ein bißchen dauern.

  2. Simon 9. Mai 2005 · 15:19 Uhr

    Macht doch nicht so viel Werbung für das Buch;-)

  3. Moritz Ernst 9. Mai 2005 · 17:10 Uhr

    recht amüsanter Kommentar und doch wundere ich mich, dass die Quellen der Welt, wohl denen der Bildzeitung gleichen. Diese behauptet heute genau wie die Welt (falls du korrekt zitiert hast): NRW sei das größte Bundesland – ist es aber nicht; nur das bevölkerungsreichste!

  4. Thorsten 9. Mai 2005 · 18:51 Uhr

    @ Simon
    Ich sehe das so, je mehr Leute das lesen, desto mehr werden am 22. Mai Peer Steinbrück wählen, weil sie sehen, wie schlecht die Alternative wäre.

  5. Klaus 9. Mai 2005 · 19:21 Uhr

    Die Passagen klingen irgendwie wie das CDU-NRW-Wahlprogramm. Sind diese Ähnlichkeiten rein zufällig oder volle Absicht?

  6. Marc Riemenschneider 22. Mai 2005 · 23:17 Uhr

    An alle Wahlverlierer !

    Was bringt es euch denn noch am Buch des neuen MP herumzukritisieren? Schlimmer als zu SPD Zeiten kann es ja kaum noch kommen. Ihr solltet euch mal fragen, ob ihr nicht ein wenig realitaetsfremd und ideologisch verbohrt seid.
    Gesteht es ein: Ihr habt verloren und zwar zurecht.

    Viel Spass

    Marc

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