Heute lesen wir bei Spiegel Online, bei heise und zum Beispiel im Pottblog über die Präsentation des Internet-Wahlkampfs der CDU in Berlin. Und da haben wir uns hier in der Agentur ein paar Gedanken gemacht, wie wir das eigentlich sehen…

Überall in der Welt werden Weblogs als neue Form des „Citizen Journalism“ angesehen. Weltweit stellen sich Medienhäuser, Fernsehsender, Regierungen, Unternehmen darauf ein, dass Bürgerinnen und Bürger zunehmend das Internet nutzen, um gemeinsame Interessen zu vertreten und sich Gehör zu verschaffen.

Ob es der Bagdad-Blogger im Irak-Krieg war, die Weblogs der orangenen Revolution in Kiew oder der Weblog von Verdi mit dem Lidl-Schwarzbuch. Bürger – und wir reden hier nicht von irgendwelchen Freaks – nutzen Weblogs und das Internet mit Diensten wie Friendster, OpenBC und E-Mail als ein Sprachrohr, ihren Frust, ihre Wünsche, Träume, Sehnsüchte, ihre Ideen, Kunst, viel (manchmal viel zu viel) Banales, aber auch Politik zu diskutieren und Meinungen auszutauschen, mit anderen Menschen, die ihnen wichtig sind.

Weltweit kommen täglich um die 80.000 neue Weblogs hinzu (Jede Sekunde einer!). Natürlich sind viele davon nach wenigen Tagen unlustig, ungepflegt und unbrauchbar. Aber es entstehen eben auch viele, wo es sich lohnt, zu lesen. Lesen heißt ja auch Zuhören – was der Politik ja häufig abgeht. Und Zuhören heißt, sich selber nicht so ernst zu nehmen und mal ein paar neue Gedanken die alte vermiefte Bude durchzulüften zu lassen.

Die Wirtschaft antizipiert die Wirkung dieser Weblogs und versucht sich auch im Bloggen. Beispiele dafür gibt’s genug. Ob es klappen wird, oder ob es dort zu Spannungen zwischen freier Meinungsäußerung einerseits und oberflächlich wirtschaftlichen Interessen andererseits kommen wird, wird sich noch zeigen. Das Lidl-Schwarzbuch ist sicher so eine Entwicklung entlang dieser Grenze.

Und die CDU, die sich anschickt, dass Land „modern“ zu machen und die Erneuerung zu bringen? Die macht einen Online-Wahlkampf, die von den Ober-Strategen der politischen Kommunikation bestenfalls mit altem TV-Know how bestritten wird. Alles muss aus Berlin gesendet werden und die lieben Internetnutzer sollen schön empfangen. In ihren E-Mail-Postfächern. Ob’s demnächst digitale Fleißkärtchen für den häufigen Besuch von Angela Merkels strunzlangweiliger Website gibt?

Ganz vorneweg der Marketing-Chef der CDU – selbstausgerufener Online-Experte: Nichts hält er bei der CDU von Weblogs zur persönlicheren Wähleransprache. „Da gibt es einen großen Hype im Moment“, sagt der Marketingchef der Partei, Stefan Hennewig – so berichtet heise. Was Hennewig noch nicht verstanden hat – der Hype geht nicht mehr weg. Genauso wie noch keiner ein Mittel gefunden hat – selbst die Chinesen nicht – das Internet abzuschalten, wenn es stört.

Und Volker Kauder – der sich als CDU-Propagandist für einen „Neustart für Deutschland“ präsentiert – stellt diese Online-Strategie auch noch in Berlin der versammelten Journalistenschar vor! „Hereinspaziert, hereinspaziert – in unseren Online-Auftritt.“

Da kann man hier vom Online-Team nur mit einem bereits bekannten Satz reagieren: „So viel Gestern war noch nie.“

Kauders Konzept: In Berlin so laut brüllen, dass es noch im hintersten Teil von Bayern gehört wird. Das nennt man „Broadcast-Communication“. Und die Zeit von Broadcast-Communication läuft aus, unweigerlich. Vielleicht noch nicht in diesem Wahlkampf, aber mit der Zeit wird es so kommen. Was auf jeden Fall nicht wie Broadcast funktioniert, ist das Internet.

Dass die versammelte Journalisten-Schar das in der grundsätzlichen Haltung der Politik gegenüber dem Internet-Wahlkampf verborgene Problem gar nicht gemerkt hat – oder zumindest ignoriert – liegt vielleicht daran, dass die Journalisten zu nahezu 100 Prozent aus den klassischen Medien kommen: TV- und Radio-Reporter und Zeitungsjournalisten.

Zwischenbemerkung: Welcher Journalist lässt sich heute noch zur Pressekonferenz anlässlich eines Launches einer Internet-Seite eines Unternehmens blicken? Wieso funktioniert das noch bei der Politik und Wahlkämpfen? Wird da unterbewußt mehr und Spannenderes erwartet? Und wenn es dann nicht geliefert wird, dann schreibt man trotzdem über ein paar markige „Herzlich willkommen im teAM Zukunft“-Headlines auf den Websites?

Ich bin mir sicher, Rundfunk-Politik wird weniger werden und die Zahl derer, die das Netz nutzen, um die gemeinsame Sache zu organisieren, wird größer werden.

Was für die abnehmende Bedeutung der Rundfunk-Politik spricht? Immer mehr Fernsehsender sorgen für immer kleinere Zahlen von Zuschauern. Vor einigen Jahren noch mussten Spitzen-Politiker in zwei Talkshows von zwei Sendern (ZDF und ARD) auftreten und das ganze Land war informiert. Heute sehen viele Zuschauer Spartenprogramm und nehmen überhaupt keine Nachrichten, Politiktalk oder TV-Duelle mehr wahr. Immer weniger politische Sendungen sorgen für immer weniger Raum für politische Diskussionen im Fernsehen. Politische Konzepte zu kommunizieren, dass lassen die Sender im Grossen und Ganzen nur noch in 1,5-Minuten-Statements zu. Sabine Christiansen – wo auch mal länger gequatscht werden darf – ist in meinem Freundeskreis, der schon ausgewachsen politisch denkt, keine Sonntagsabend-Beschäftigung. Und: Es gibt jüngere Altersklassen, die lesen keine Zeitung mehr – wo die Auflagenzahlen von Zeitungen mit politischen und gesellschaftlichen Inhalten auch insgesamt zurückgehen.

Diese Entwicklung reiht sich ein in die Tatsache, dass sogar der TV-Konsum durch die Bürgerinnen und Bürger insgesamt zurückgeht. Also weniger TV-Stunden/Tag pro Bürger.

Und noch schwieriger wird das Konzept der „Rundfunk-Politik“, weil immer weniger Menschen TV-Sendern und deren gelackter Berichterstattung glauben. Hier ein Schleichwerbeskandal, dort ein „Nachrichtenmagazin“, das eigentlich nur von vermeintlichen (sendergesponsorten) Sternchen berichtet, die immer vor irgendeiner Rückwand mit den überdimensionalen Logos von Saftherstellern posieren.

Aber: Immer mehr Menschen vertrauen ihrem persönlichen Umfeld und Freunden und Bekannten, mit denen sie einen authentischen Austausch pflegen. Von denen sie den Mut verlangen, in einem Gespräch mal etwas Schwieriges anzusprechen, von denen sie erwarten, ernst gemeinten Trost und Unterstützung zu erhalten, wenn die Sonne mal nicht sommerlich scheint und Problemwolken dunkle Tage bescheren. Die mal ihre Sicht der Welt beschreiben und zuhören, wenn andere über ihre Sicht und ihre Probleme sprechen, die authentisch und ehrlich ihren Standpunkt vermitteln. Und denen ich vertrauen mag.

Die CDU verpasst mit ihrem Online-Wahlkampf eine Chance, Menschen zuzuhören und ein Gespräch über die Zukunft unseres Landes zu beginnen. Sollte sie die Wahl Mitte September gewinne, wird sie diese „Nachlässigkeit“ schneller merken, als ihr es lieb sein kann.


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7 Kommentare

  1. Ralph 3. August 2005 · 16:00 Uhr

    Hm ohne Internet geht heutzutage nix mehr. Es gibt immer mehr leute die darüber Geld verdienen und das sind die Steuerzahlen von heute. Die sollte man aucxh beachten=)

  2. Jens 3. August 2005 · 16:39 Uhr

    Was mich vor allem so fasziniert ist dieser offene Widerspruch zwischen Kauders/Hennewigs Meinung zum Bloggen und der anscheinend inoffiziell doch teilweise vorherrschenden Meinung, dass das doch nicht schlecht ist. Siehe auch unter der verlinkten Adresse.

  3. oliver zeisberger 3. August 2005 · 16:52 Uhr

    Angeregt durch eure zwei Kommentare habe ich gleich noch einen Beitrag hinterher gelegt:

    http://blog.nrwspd.de/archives/001136.php

  4. Thomas Praus 3. August 2005 · 18:29 Uhr

    Auch wenn ich gerne blogge und Blogfan bin und die demokratisierenden Thesen gerne unterstützen möchte:

    Die Kehrseite dieser Entwicklung sehe ich leider in der Entstehung einer digitalen Spaltung. Es gibt keine Institutionen mehr, denen man so vertrauen kann und will, wie der Tagesschau zu Zeiten der 70er. Es gibt einen Überfluss an Informationen und je mehr man mitbekommt, desto weniger weiß man, was man glauben kann. Das gilt für politische Weblogs erst recht.

    Die Gesellschaft teilt sich in jene, die sich informieren wollen und können, die ‚medien-mündig‘ sind, und andere, die sich komplett von dissonanten Informationen abwenden, weil es genug Material gibt um ihre herrschende Meinungen zu bestätigen. Langsam, aber stetig. Das kommt auch in so unangenehmen Thesen wie dem vom „Unterschichtenfernsehen“ oder „dem typischen Bild-Zeitungsleser“ zum Ausdruck. Ich mag die Idee überhaupt nicht, aber ist nicht etwas dran?

    Auch eine Kampagne wie die der CDU kommt vielleicht besser bei den orientierungssuchenden Menschen an. Zentralistisch, autoritär, bestimmt. In den USA war das ja auch einer der Gründe für Bush. Und wie beeinflussen Weblogs wirklich die Politik, die Meinungsbildung, den Wahlkampf? Reden wir nicht eigentlich nur die ganze Zeit über uns selbst und mit uns? Selbst in so einem tollen Weblog wie diesem?

    Ich werde jetzt mal ein Buch lesen gehen. Ein altes, Rousseau oder so..

  5. oliver zeisberger 3. August 2005 · 20:51 Uhr

    Das mit der „Spaltung“ sehe ich nicht so wie du.

    Klar ist was dran, wenn du das Phänomen beschreibst, was mit Begriffen wie „Unterschichtenfernsehen“ klassifiziert wird. Aber ich glaube, dass auch diese Menschen ernst genommen werden wollen. Und um sie ernst zu nehmen, brauch es erstmal ein gutes Gespräch. Eine Website, die nur tolle Fotographenfotos von Angela Merkel zeigt und die Boulevardpresse, die sich nur über ihren Friseur Udo Walz auslässt, hat mit dem Leben dieser Menschen so gar nix zu tun.

    Wer kümmert sich um diese Menschen und ihre Probleme und Sorgen? Wer kümmert sich von der Union darum, dass sie nicht wissen, ob sie morgen noch ihren Job haben oder einfacher als zuvor gefeuert werden können? Ob sie morgen mehr Krankenkassenbeitrag zahlen müssen und das sie das genau so viel kosten könnte, wie ihrem Chef, der aber viel mehr verdient? Die sich fragen, ob ihre 3 Kinder weiter studieren können, wenn flächendeckend Studiengebühren von 500 Euro im Semester eingeführt werden?

    Übrigens finde ich es gar nicht schlimm, dass wir mal über uns reden. Tagsüber als ich die beiden Beiträge geschrieben habe, wollte das irgendwie mal raus. Und nun reden wir drüber. Das ist doch der erste Schritt zu einem Gespräch, oder? Und ich lese inzwischen viele Weblogs – mehr als Zeitung. Und Fernsehen gucke ich mehr beiläufig. Aber beim Lesen bin ich konzentriert und aufmerksam.

    Das Weblogs inzwischen erheblichen Einfluß auf das polische Weltgeschehen haben, dass will ja wohl keiner mehr bezweifeln. Die Bilder aus den Gefängnissen in den USA, wo gefoltert wurde, sind durch Blogger an die Öffentlichkeit gekommen. Der Absturz der Columbia vor zwei einhalb Jahren ist zuerst in einem Weblog berichtet worden – von einem Blogger, der Bilder von Trümmerteilen aus seinem Garten ins Netz gestellt hat und gefragt hat, was das für Gegenstände sein können. Das im Internet nach der Flutkatastrophe in Südasien über private Websites und Weblogs in der ersten Woche mehr Spenden gesammelt wurden, als durch die großen Weltweiten Hilforganisationen in der gesamten Zeit danach, all das sind Zeichen dafür, dass sich im Netz ein grosser Teil des gesellschaftlichen Lebens abspielt – und dieser Teil wächst. Das ignorieren viele der Hochglanzwahlkampfwebsites, die die Chefwahlkämpfer der Union bei einem gepflegten Kaffee der „Öffentlichkeit“ vorstellen. Die SPD hat da einen besseren Schritt gemacht. Sie stellt die Möglichkeiten bereit, das man selber den Mund aufmachen kann. Mit den Roten Blogs. Das finde ich mal eine gute Aktion.

  6. Benno 3. August 2005 · 21:44 Uhr

    @oliver:

    Klar, als Plattform, um mal „selber den Mund aufzumachen“, haben Blogs ein großes Potenzial. Ich finde es grundsätzlich sehr wichtig, in Onlinekampagnen wie auch generell in der Politikvermittlung verstärkt auf Interaktivität und Kommunikation mit den Wählern bzw. der Wähler untereinander zu setzen und nicht – wie die CDU – weitgehend auf das piefige Konzept der Online-Wahlbroschüre zu setzen.

    Nur: Noch sind Blogs in Deutschland (leider) sehr weit davon entfernt, ein echtes massenwirksames und somit effektives Medium zu werden. Es kommen zwar tagtäglich neue Blogs dazu; aber ich fürchte, dass die breite Öffentlichkeit von dieser neu entstehenden „Szene“ erst Notiz nimmt, wenn die Blogs auch in den klassischen Medien thematisiert werden – oder, noch besser, wenn irgendein Blogger einmal eine große Story lostreten sollte und damit so richtig für Aufmerksamkeit sorgt. Ich sehe es jedenfalls noch lange nicht, dass die „Rundfunk-Politik“ auf dem Rückzug sei. Für die überwältigende Mehrheit der Bundesbürger werden wohl auch in diesem Wahlkampf die klassischen Medien das Informationsmonopol besitzen.

    Das heißt nicht, dass man mit den neuen Onlinekonzepten klein beigeben sollte – auch wenn der Vormarsch von Blogs und Co. hierzulande wohl noch viel Zeit beanspruchen wird. Deutschland ist halt weitaus strukturkonservativer als die USA. Aber irgendwann muss ja auch mal hier der Anfang gemacht werden. Mir ist jedenfalls ein mühseliger Anfang immer noch lieber als eine Blockadehaltung gegenüber so ziemlich jeder Innovation, wie sie die CDU im Netz zeigt.

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.