Montag. Heute beginnt der Bundesparteitag. Auf der Tagesordnung stehen die Beratung des Koalitionsvertrages und am Abend der große Parteiabend. Nach einer kurzen Nacht verlassen wir unseren kleinen Gasthof in Bruchsal: das Wallhall um über Karlsruhe nach Rheinstätten zur Messe zu fahren.

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Unsere Unterkunft: das Wallhall

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Morgentlicher Weg durch die Bruchsaler Innenstadt

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Warten auf den Zug (Anmerkung am Rande: Zum Glück hatten wir unsere Fahrtrute selber recherchiert: Fahrt mit der Bahn nach Karlsruhe, dort Umsteigen in den Messebus. Fahrtzeit ca. 50 Minuten. Die Bahn in Bruchsal empfahl uns einen anderen Weg: 2x Umsteigen. Fahrtzeit 96 Minuten)

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Der Messebus, der uns rund 30 Minuten Fahrtzeit ersparte

Vor Ort angekommen empfing uns als erstes Greenpeace, die gegen das Atommüllentlager in Gorleben protestierten.

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Der Eingangsbereich

Anders als erwartet, gab es diesmal keine langen Schlangen beim Akkreditieren (auf einem der Parteitage in berlin gab es schon mal 1 Stunde Wartezeit), das war sehr entspannt. Ein erstes Kompliment an die Organisation.

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Entspanntes Einchecken

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Meine Tasche beim Sicherheitscheck

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Ute Vogt eröffnet den Parteitag

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Ehrengäste

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Als gut organisierter Landesverband gibt es bei uns sogar eine Delegationsbetreuung. Schließlich fallen bei 127 Delegierten eine Menge Fragen und kleine Probleme an.

Zurück zur Tagesordnung des Parteitages. 2 Reden standen an, die von Franz und Gerd, sozusagen ihre Abschiedsreden vor einem SPD-Bundesparteitag.
Franz redete als erster. Wie immer sprach Franz klar und schnörkellos. Wie wir ihn kennen und schätzen. Schon die Einleitung machte klar, worum es ging:

„Lasst uns Gutes aus diesem Parteitag machen! Vieles auf diesem Parteitag ist anders, als wir es dachten, als wir ihn einberufen haben. Gerhard Schröder ist zum letzten Mal als Bundeskanzler auf einem Parteitag. Es gibt einen Wechsel an der Spitze der Partei. Und wir haben über die Frage zu entscheiden, ob wir in eine große Koalition eintreten.“

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Bevor er auf die inhaltlichen Fragen des Koalitionsvertrages zu sprechen kam, dankte er Gerhard Schröder:

„Lieber Gerd, du hast es nicht immer leicht gehabt mit uns – wir auch nicht immer leicht mit dir -, aber im Wahlkampf war unmissverständlich: SPD und Gerd Schröder, das gehört zusammen, das ist eins. Es war ein langer Weg vom Proletarierkind ins Kanzleramt, ein beeindruckender Weg, ein sozialdemokratischer Weg. Sieben Jahre warst du Bundeskanzler in einer Regierung, zusammen mit vielen, die in der neuen Regierung nicht mehr dabei sind: Otto Schily und Hans Eichel, Wolfgang Clement und Peter Struck, Renate Schmidt und Manfred Stolpe, Edelgard Bulmahn und Herta Däubler-Gmelin, Rudolf Scharping und Walter Rieser, Karl-Heinz Funke und Reinhard Klimmt, Kurt Bodewig, Christine Bergmann und Werner Müller. Mit ihnen zusammen, lieber Gerd, hast du vieles in diesem Land in Bewegung gesetzt. (…)
Lieber Gerd, du hast dich um Deutschland und um die SPD verdient gemacht. Die deutsche Sozialdemokratie, wir alle, sind stolz auf dich und danken dir von Herzen. Bleib präsent!“

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Nicht nur Gerd selber musste in diesem Moment schlucken. Auch mir ging es so und vielen im Saal auch. Eine Ära ging zu Ende. Das Verhältnis zwischen Partei und Schröder war nie spannungsfrei, aber wir alle wissen, wieviel er für die SPD und das Land geleistet hat. Nicht zuletzt im letzten Wahlkampf.
Es sollte nicht die letzte Situation bleiben, bei der wir mit den Tränen kämpfen mussten.

Dann sprach der Staatsmann und künftige Vizekanzler Müntefering. Über unsere Verantwortung und über die Inhalte des Koalitionsvertrages:

„Wenn ich einen Strich darunter mache, liebe Genossinnen und Genossen: Die Konzepte sind vernünftig. Beweisen muss sich die Koalition im Handeln. Man kann das heute nicht wissen. Aber wir können überzeugen. Die Frage ist, ob man die Chance sucht, oder ob man vor lauter Angst vor dem Tod Selbstmord begeht. Man muss jetzt springen. Wir müssen den Mut haben, in diese Koalition zu gehen und zu überzeugen.“

(Das könnt ihr alle hier nachlesen).

Und dann wechselte Franz wieder vom Staatsmann zum (Noch-)Parteivorsitzenden:

„Liebe Genossinnen und Genossen, ich scheide morgen nach 20 Monaten bzw. 606 Tagen, wie mir freundlicherweise ausgerechnet wurde, als Parteivorsitzender aus. Ich will ein paar Worte dazu sagen…
Die Wahl morgen ist geheim. Aber ich will verraten – das ist ja nicht verboten –, dass ich Kurt Beck, Ute Vogt, Per Steinbrück, Bärbel Dieckmann, Elke Ferner und Hubertus Heil wähle. Ich freue mich auch auf die weitere Zusammenarbeit mit Andrea Nahles. Es hat zwischen uns geknallt. Aber manchmal erzeugt Reibung nicht nur Hitze, sondern auch Fortschritt. Wir kommen schon weiter. Macht euch keine Sorgen!“

Das war -nach allem was in den letzten 14-Tagen passiert ist- die parteiöffentliche Versöhnungsgeste an Andrea Nahles. Eben ganz Franz. Nicht nachtragend, sondern nach vorne blickend. Andrea kamen die Tränen. Mir ein paar Sätze später, denn nun kamen sie, die letzten Sätze von Franz als Parteivorsitzender:

„Wir wollen, dass es den Menschen gut geht. Dafür machen wir Politik. Die Partei ist kein Selbstzweck. Die Partei ist nicht dafür da, sich auf Parteitagen zu begegnen. Das ist schön, aber die Lebenswirklichkeit ist draußen. Die Menschen müssen wissen, dass wir für sie Politik machen, zum Nutzen des Landes und zum Nutzen der Menschen. In diesem Sinne, liebe Genossinnen und Genossen, lasst uns heute gute Entscheidungen treffen und morgen gut wählen. Allen miteinander ein herzliches „Glück auf!“.

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Ich muss noch immer schlucken, während ich das hier schreibe. Franz war einer derjenigen, die für mich mit ein Grund waren, in die SPD einzutreten. Er begegnet jedem auf gleicher Augenhöhe, und er… – egal, das ist schließlich kein Nachruf, deshalb: Danke Franz für die Jahre im Bezirk Westliches Westfalen, in NRW und im Bund. Du wirst mir fehlen.

Und dann kam die Überleitung zur Rede von Gerhard Schröder: der Schröder Film, der die letzten Jahre noch einmal in Wort und Bild zusammenfasste (Ich habe ein paar Fotos während der Vorführung gemacht.)

Jeder aus der SPD hat wohl seine eigenen Erinnerungen an die Zeit mit Gerhard Schröder: an die Aufbruchstimmung 1997/98, den Abgang von Lafontaine und an die schwierigen Entscheidungen, die Rot-Grün zu treffen hatte.
In den Applaus hinein begann Schröder mit seiner Rede und überraschte mit ironischer Selbstkritik:

Vielen Dank! – Liebe Genossinnen und Genossen, zwei Dinge hat der Film natürlich ausgedrückt: Erstens, dass man mit den Jahren nicht jünger wird, und zweitens, dass ihr jene Diskussion, die ich abends am Wahltag zu führen hatte, weggelassen habt. So viel Sensibilität habe ich gar nicht erwartet!

Es folgte Schröders Dank an Franz Müntefering (alles hier nachzulesen), sein Dank an viele andere (auch an Hans Eichel, dem auch die Tränen kamen, und zu guter Letzt:

„Wir sind in den letzten Jahren einen guten Weg gegangen, für unsere Partei, für unser Land. Ich möchte diesen Weg mit meiner SPD weitergehen – solidarisch, aber frei.“

12 Minuten Applaus. Und wieder viele Tränen.
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Nach so viel Emotionen brauchten wir alle erst eimal eine kurze Pause, bevor es zur inhaltlichen Beratung des Koaltionsvertrages kam. Der wurde kontrovers diskutiert, aber am Ende stimmte die überwältigender Mehrheit der Delegierten dem mit der Union ausgehandelten Koalitionsvertrag zu.

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Bei lediglich einer Nein-Stimme votierten die Delegierten dann für den Vorschlag des Parteivorstandes, Franz Müntefering als Vize-Kanzler ins Kabinett zu schicken. Ohne Gegenstimme billigte der Parteitag das gesamte Personaltableau der sozialdemokratischen Ministerriege.

Es folgten Rechneschaftsberichte und Rechenschaftberichte und und und…
Aber der Tag war ja noch lange nicht zu Ende. Traditionell findet nämlich am ersten Tag des Parteitages der gemeinsame Parteiabend statt, eine erste Herausforderung für die eigene Kondition. Denn nach gut 13 Stunden Parteitag ist der Hunger groß und der Durst noch größer.

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Musikalische Begrüßung

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Matthias Platzeck, Peer Steinbrück und Klais Wowereit

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Stolpe, Müntefering und Klimt

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Autogrammstunde

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Nachdem das Ehepar Schröder auch zu uns gefunden hatte, konnte der Parteiabend endlich eröffnet werden.

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Franz Müntefering: unzitierbarer Meister der Parteiabend-Anekdoten

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Auch Matthias Platzeck wusste, wie er den Saal mit vergnüglichen Anekdoten zu unterhalten: „Der Gerd“ habe zu ihm gesagt, wenn er Vorsitzender sei, werde er wohl zuerst einen Runden Tisch einrichten. „Das nicht, aber miteinander reden kann man ja, lieber Gerd“, konterte Platzeck. Und um noch einen drauf zu setzen, eröffnete er den Parteiabend mit den Worten: „Und jetzt wird gefeiert. Basta!“

Und dann wurde gefeiert. Bis irgendwann.
Es war schon Dienstag, als es zu Ende war. Als der Taxifahrer keine Quittung hatte und sich von einem andern Taxifahrer eine Quittung bringen ließ. Als wir im Kofferraum des Taxis schwarze Lederschnürstifel fanden, die uns der Taxifahrer sofort für 2 € verkaufen wollte. Die habe eine Frau vor Wochen im Taxi vergessen. Wir wollten aber keine. Wir wollten nur noch schlafen. Ein paar Stunden wenigstens.

Alle Fotos vom Montag


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Ein Kommentar

  1. Sozialdemokrat für Oskar 17. November 2005 · 21:00 Uhr

    A C H T U N G

    Heute, 22.15 – 23.00 Uhr:

    Berlin Mitte, ZDF

    Gäste u.a.

    Oskar Lafontaine (Die Linke.PDS),
    Bundestagsfraktionsvorsitzender

    Der von Christiansen als Quasseltante bekannte und designierte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück
    (Die Neoliberalen.SPD)

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.