Sie waren alle hier: Bundeskanzlerin Merkel, die hier ihren Wahlkreis hat, Landesagrarminister Till Backhaus und der Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Horst Seehofer.

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Was sollen sie auch sonst machen? In sog. „Katastrophensituationen“ gibt es nur zwei Möglichkeiten: Nicht-Hingehen, dann kann das in der Öffentlichkeit ganz übel nach hinten los gehen (siehe Bush und New Orleans) oder eben hingehen. Schließlich tragen sie Verantwortung für die Menschen und die angeordneten Aktionen. Prinzipiell finde ich das richtig. Und wenn es ernst gemeint ist (wie bei Platzeck und der Oderflut) erkennen die Betroffenen das auch an. Aber auch ein Besuch kann nach hinten los gehen, wenn es mehr Medieninszenierung als sonst irgendwas ist. Und genau das ist auf Rügen Horts Seehofer passiert.
Der Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

In der Ostsee-Zeitung war folgendes über den Besuch zu lesen:

Wittow Kameraden mehrerer Feuerwehren haben sich enttäuscht über den Kurzbesuch von Bundesagrarminister Horst Seehofer am Sonnabend gezeigt. Der Trenter Wehrführer Olaf Spieker sagte, dass er anderes erwartet hatte. „Der sprach vor drei verschiedenen Kulissen mit den Medienvertretern und war dann wieder verschwunden. Dass er uns fragt, die wir vor Ort die Tiere beseitigen, kam ihm wohl nicht in den Sinn“, so Spieker, der am frühen Nachmittag auch mit anderem Ärger zu kämpfen hatte. Als er und weitere Kameraden bei Kapelle nahe Gingst weitere 20 tote Schwäne bergen wollten, wurden sie mehrfach von einem Helikopter mit Kamerateam überflogen. Normalerweise gelten für zivile Luftfahrzeuge Mindestflughöhen. Bis auf einen Meter kam der Helikopter herunter und verursachte Wellen.

Ähnliches ist in einem weiteren Bericht der Ostsee-Zeitung nachzulesen:

„Wenn sie mal schauen wollen“, sagt Backhaus zu Seehofer und deutet gen Westen. Seehofer dreht sich um: Er sieht nichts als Kameras, Mikrofone und Front eines Übertragungswagens. Er sieht auch nicht, wie die Männer mit dem Schlauchboot zurückkehren, tote Schwäne in blauen Müllsäcken dabei. Er kann auch nicht sehen, wie die Desinfektionstruppe sprüht und wäscht; er verpasst die ganze eindrucksvolle Show, die wohl eigens für ihn inszeniert ist.

Irgenwo hinzufahren, sich vor Kameras zu stellen, Statements für die Medien abzugeben und nicht mit den Betroffenen zu reden – wie instinktlos muss man eigentlich sein. Es ist schon schlimm genug, wenn die Peter Kloeppels dieser Welt all abendlich live von der „Seuchensperre“ am Rügendamm berichten und so den Eindruck entstehen lassen, hier wären so was wie eine Atombombe explodiert.

Aber der Seehofer Horst kann es noch besser, also schlechter. Eigentlich erwarte ich vom Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, dass er um den Grad der Gefährdung bzw. Nicht-Gefährdung weiss. Weit gefehlt. Noch einmal die Ostsee-Zeitung:

„Energisch ruft Seehofer den Chef des Riemser Forschungsinstituts für Tiergesundheit, Thomas Mettenleiter, herbei. „Ist es unbedenklich, wenn wir hier entlanggehen, Herr Professor?“
„Ja, unbedenklich“, sagt Mettenleiter und fügt hinzu: „Aber gehen sie nicht auf das Eis. Das ist morsch. Da brechen sie ein.“ Seehofer überhört die Spitze.

Wer wundert sich da noch, dass Politikerbesuche als reine „Medienshow“ betrachtet werden. Und so viel Unkenntnis, hätte ich von einem Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz nicht erwartet.


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12 Kommentare

  1. Arno Koch 21. Februar 2006 · 20:37 Uhr

    Seehofer ist Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Dirk. Nicht Bundesgesundheitsminister. Das ist die Ulla Schmidt. Ich bin K-L-U-K, ich weiß, danke. :-)

    Aber auch als solcher sollte der feine Herr Seehofer einen Funken gesunden Menschenverstand im Gepäck haben, wenn er dich besuchen kommt. ;-)

    Ansonsten würde ich noch gerne wissen, wo ich mir die Bilder ansehen kann, die der tief fliegende Hubschrauber gemacht hat.

  2. Dirk 21. Februar 2006 · 21:14 Uhr

    sehr aufmerksam, arno. danke. ich hatte bei der ostsee-zeitung abfeschrieben. kam mir beim schreiben schon so komisch vor. werde ich gleich mal ändern.

  3. Benno 21. Februar 2006 · 22:17 Uhr

    Seehofer ist ohnehin eine absolute Fehlbesetzung für ein Ministeramt — egal, für welches. Ich konnte es schon nicht leiden, mit welchem „Schaut mal, jetzt habe ich es euch allen gezeigt und ich habe endlich wieder einen Posten“-Gehabe Seehofer nach seiner Ernennung im letzten November herumstolziert ist. Ich dachte immer, dass so ein akuter Fall von Postengeilheit von den Wählern nicht honoriert werden würde — umso weniger verstehe ich es, dass Seehofer im Politbarometer aktuell als der beliebteste deutsche Politiker verzeichnet wird. Aber na ja, es ist ja nicht das erste Mal, dass ich aus den Wählern nicht schlau werde…

    Aber ich schweife ab. Festzuhalten ist, dass Seehofers oberflächlicher Auftritt auf Rügen absolut in dieses Bild des Polit-Gockels passt, das er uns seit November präsentiert. Für mich hat er sich damit nun endgültig disqualifiziert. Und ich hoffe, für viele andere Wähler allmählich auch.

  4. Thorsten - blog.nrwspd.de 22. Februar 2006 · 10:23 Uhr

    By the way:
    Die Rubrik: „Vor Ort auf Tour“ finde ich für einen Bericht aus einem Seuchengebiet beinahe perfekt gewählt. Hut ab.

  5. Student 22. Februar 2006 · 15:22 Uhr

    @ Benno
    Vielleicht ist es eben gerade die Linientreue (und zwar zur eigenen Linie) Seehofers die Wähler heute zu schätzen wissen.

    Immerhin hat dieser Mann seine politische Karriere für seine Überzeugungen auch mal aufs spiel gesetzt.
    In der SPD fällt mir da grad kaum einer (auf lukrativem Pöstchen) ein.
    Im Gegenteil, in Wahlkampfzeiten was von Sozialdemokratie blöken um dann nur wieder umzufalllen kennen wir eher von Euch Genossen.

  6. Sozialdemokrat für Oskar 23. Februar 2006 · 0:02 Uhr

    @ Student

    Dem stimme ich 100%ig zu.
    Man kann sich bei der Schröder-Münte-Platzeck-SPD auf nichts verlassen, außer daß die jeweils am lautesten verkündeten Vorwahl-Versprechen kurz nach der Wahl kassiert werden.

    Wie war das beispielsweise mit der Kampagne gegen die Merkelsteuer von 18% vor der Wahl und dem Gebaren Platzecks nach derselben?
    Nicht nur, daß die SPD der von Merkel geforderten Mehrwertsteuererhöhung auf 18% zustimmte — das allein schon stellt einen Wählerbetrug dar.
    NEIN, dank Platzeck gabs sogar noch einen Zuschlag von 1% auf insgesamt 19%.
    Er sprach damals sogar von einer Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16 auf 20 Prozent (!) als mögliches Ergebnis der Koalitionsverhandlungen.

    Karl Heinz Däke, Präsident des Bundes der Steuerzahler, mahnte:
    „Die SPD hatte vor der Bundestagswahl eine höhere Mehrwertsteuer grundsätzlich ausgeschlossen.
    Wenn Herr Platzeck jetzt sogar eine Erhöhung auf 20 Prozent ins Gespräch bringt, ist das an Dreistigkeit nicht mehr zu überbieten.
    Für die wirtschaftliche Entwicklung kommt eine höhere Mehrwertsteuer einem konjunkturellen Bremsklotz gleich. Produkte werden verteuert, die Nachfrage wird gedämpft, der Konsum wird zurückgehen.“

    FDP-Vize Rainer Brüderle wurde noch deutlicher: „Platzeck fällt um, bevor er im Amt ist. Mit ihm betreibt die SPD dreisten Wählerbetrug.
    Das ist schlicht verantwortungslos.“
    http://bz.berlin1.de/aktuell/news/bundestagswahl2005/051105/platzeck.html

    Zur Erinnerung hier nun ein paar Schnappschüsse vom bundesweiten Rummel der SPD gegen die Mehrwertsteuererhöhung VOR der Wahl:
    http://www.berlin.spd.de/servlet/PB/menu/1558528/
    http://www.spd-rerik.de/?p=12
    http://www.spd-neuwestend.de/i/merkelsteuer_vi.jpg
    http://www.politik-visuell.de/bilddirektor/bilder/merkelsteuer.jpg
    http://www.spd-murg.de/Images/plakat_b34_merkelsteuer.jpg
    http://www.spiegel.de/img/0,1020,529517,00.jpg
    http://www.spd-nettetal.de/Bilder/merkelsteuer.jpg

    Frage an die Aktivisten und Mitglieder der Partei unter Euch Genossen:
    Habt Ihr denn keinerlei Anstand, Scham- oder Ehrgefühl???

  7. Oliver Zeisberger [blog.nrwspd.de] 23. Februar 2006 · 1:18 Uhr

    [Moderation an:]
    Achtung, da war wieder ein scharmloser Themenwechsel vom Sozi vom Oskar. Alle anderen: Bitte bleibt beim Thema und lasst Euch von der Werbeunterbrechung vom SfO nicht stören!

    Und Student: Entweder du hälst dich ab jetzt an unsere Nutzungsbedingungen – zu denen die Angabe deiner gültigen E-Mail-Adrese gehört – oder deine Kommentare werden von uns in Zukunft kommentarlos entfernt. :-(

    Du verstehst doch sicher: Wir möchten mit dir hier ein ernsthaftes Gespräch führen und deine Mitkommentatoren halten sich auch an die Regeln hier. Es kann also kein Problem sein, dass du das auch tust.
    [Moderation aus]

  8. Student 23. Februar 2006 · 13:09 Uhr

    @Oliver Zeisberger

    Na denn streich mal lieber die unliebsamen Passagen.
    Dein Zensurvorhaben, das ich in Vorwahlzeiten auch bei den Websozis bereits erlebt habe, wird bei den dertzeitigen Umfragewerten auch nicht mehr helfen.
    Naja, wenigstens kündigst Du es vorher an und stehst scheinbar dazu.

    Am besten Du versiehst die Kommentarfunktion auch gleich mit einem Passwortschutz und gibst diesen nur nach eindringlicher Parteibuch bzw. Gewissensprüfung frei.

    Offensichtlich hat man in der SPD nicht nur den Vorsitzenden aus der ehemaligen DDR importiert sondern gleich noch ein Stück sehr zweifelhafter Ideologie.

    Ich wünsche euch empfindlichen Claqueuren jedenfalls noch viel Spaß im kritikfreien Diskurs.

  9. Oliver Zeisberger (blog.nrwspd.de) 23. Februar 2006 · 14:09 Uhr

    Ich glaub du WILLST die Regeln nicht versehen, schon gar nicht befolgen und willst die Leser hier weiterhin täuschen?! Dann wirst du hier aber auch keine Gespräche führen können, wo deine Beiträge so ankommen, wie das für einen sinnvollen Meinungsaustausch hilfreich wäre.

    WIR wollen mit dir diskutieren – du kannst hier Kritik posten. Ernst nehmen können wir und alle anderen hier – bei weitem keine Claqueure – deine Beiträge aber erst, wenn du bereit bist, deine eigene E-Mail-Adresse anzugeben und damit die Regeln einzuhalten. Und an der Stelle werden wir nicht weich.

    Die Angaben deiner gültigen E-Mail-Adresse steht in keinem Zusammenhang damit, dass du hier Kritik mit Bezug zu den Beiträgen äussern kannst. Das solltest du nicht durcheinander bringen.

    Uns geht’s hier um die Gespräche und eine Gesprächskultur und das solltest du mitbekommen haben. Die Angabe einer echten E-Mail-Adresse FÖRDERT die Ernsthaftigkeit der Beiträge und der Gespräche. Dein Verstecken hinter „Student“ und no@spam.de VERHINDERT die Ernsthaftigkeit.

    Wer an einem ernsthaften Austausch mit uns interessiert ist, ist hier hoch willkommen. Allen anderen bietet das Netz reichlich Möglichkeiten auch ihren Ansprüchen gerecht werdende Gesprächspartner zu finden. Schau dich mal um.

  10. Roter Baron 26. Februar 2006 · 2:50 Uhr

    @Student:

    „In der SPD fällt mir da grad kaum einer (auf lukrativem Pöstchen) ein.
    Im Gegenteil, in Wahlkampfzeiten was von Sozialdemokratie blöken um dann nur wieder umzufalllen kennen wir eher von Euch Genossen.“

    Mir fiele da zuerst Münte höchstpersönlich ein – schließlich hat er – Du magst Dich erinnern – sein Amt als Vorsitzender eben dieser Partei aus eben dem Grunde der eigenen Linientreue „hingeschmissen“.
    Da wären sicherlich noch viel mehr zu nennen – für mich geht es Seehofer nicht zuerst um seine Linie, sondern um die Linie der CSU, auch mal gerne gegen die Schwesterpartei (ja, auf einmal sind es wieder zwei Parteien…) zu sticheln.

    Horst Seehofer ist sicherlich ein guter Regionalpolitiker, der in Bayern soziales Gewissen mit Konservativismus zusammenbringt und dieses halbwegs bodenständig vermitteln kann – aber für die „große Politik“ scheint er doch nicht besonders geeignet zu sein.

  11. dasrotedorf.twoday.net 26. Februar 2006 · 13:04 Uhr

    Politikerbesuch im „Katastrophengebiet“ R

    Sie waren alle hier: Bundeskanzlerin Merkel, die hier ihren Wahlkreis hat, Landesagrarminister Till Backhaus und der Bundesminister f

  12. Student 1. März 2006 · 17:47 Uhr

    @Roter Baron

    Der Münte der grad Vizekanzler ist und mit Forderungen wie Rente mit 67 gerade beweißt das er nicht einmal die Tarifverträge gelesen hat ?
    Der Typ der neulich noch Wahlkampf für soziale Gerechtigkeit gemacht hat und nun mit Frau Merkel den Weg geht, den auch Clement und Schröder vor ihm gingen ?

    Ich glaub Du machst dich da ein bisserl lächerlich.

    Kuscheln mit den Bossen schadet eben doch vor allem den Genossen !

    @Oliver Zeisberger
    So das war aber jetzt mein letzter.
    Ihr könnt jetzt wieder in Ruhe (unter Gleichgesinnten) weiterdiskutieren oder so ähnlich.
    Wie du das halt nennst….

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.