Als Otto-Normalbürger kommt man ja gar nicht auf den Gedanken sich einen politischen Aschermittwoch einmal live anzuschauen. Aber als Praktikantin bei der NRWSPD ist das natürlich etwas anderes und so sollte ich gestern meinen ersten politischen Aschermittwoch live miterleben.
Um 12 Uhr ging es im Kölner Gürzenich dann also los. Zuerst trat die Alphorn-Gruppe Alpcologne auf. Meine Befürchtungen, nun doch eher die bayrische Variante des politischen Aschermittwoch zu kriegen, wurden aber nicht bestätigt. Mit einem gemischten Programm, dass eher Richtung Swing und Country ging, leiteten die Alphornbläser mit Band und Sängerin die Veranstaltung ein.

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Danach trat der Kölner Kabarettist Wilfried Schmickler ans Rednerpult. Wer bei Alpcologne noch nicht aufgetaut war, was bei der Anreise durch wirklich scheußliches Schneewetter niemandem zu verdenken war, wurde spätestens von einem kabarettistischen Querzug durch das politische Geschehen des letzten halben Jahres wieder zum Leben erweckt. Schmickler ließ keinen der bundespolitischen Akteure verschont.

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Ob Stoiber mit seiner Entscheidungsunfähigkeit, die „Schicksalsgemeinschaftsvorsitzende“ Angela Merkel oder Eichel und sein Haushaltsloch oder die Bundestagsopposition („Auf Wehrlose schlägt man nicht ein“),alle haben ihr Fett weggekriegt. Auch der „visionäre“ Bundespräsident Horst Köhler („Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“) blieb nicht verschont. Der Zustand unserer Gesellschaft wurde kritisch und mit viel schwarzem Humor unter die Lupe genommen. Für die ersten 100 Tage von Angela Merkel als Bundeskanzlerin bilanzierte Schmickler, dass sie die meiste Zeit in Flugzeugen verbracht habe („Da hätten wir auch eine Stewardess zur Kanzlerin wählen können“), dass das aber gar nicht schlecht wäre, wenn sie sich in die Bundespolitik erst mal nicht einmischen würde.

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Ich würde hier gerne noch viel mehr Lustiges von seinem Auftritt wiedergeben, aber Lachen und gleichzeitig Mitschreiben ist wirklich eine Herausforderung. Dass sein Auftritt wirklich gut war, konnte man unschwer daran merken, dass bei Witzen über die eigene Partei ebenfalls kräftig gelacht wurde.

Danach ging Jochen Dieckmann ans Mikrophon. In seiner Rede betonte Jochen Dieckmann, dass die SPD sowohl auf regionaler, nationaler, aber auch europäische Ebene für soziale Gerechtigkeit eintreten werde. Als großen Erfolg wertete er den Einsatz der Sozialdemokraten gegen das Lohndumping bei der Verabschiedung der europäischen Dienstleistungsrichtlinie. Die Zielscheibe für seine Kritik war natürlich die neue Landesregierung. Und schwer gemacht, Kritikpunkte zu finden, hat es ihm die Landesregierung ja bis jetzt auch nicht. Er kritisierte, dass die Landesregierung im Wahlkampf angekündigt hatte, sich für Jugendliche und Bildung zu engagieren, nun aber im Haushaltsplan gerade im Jugendbereich gekürzt habe, „frei nach Adenauer: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“. Er machte darauf aufmerksam, dass die CDU keines ihrer Wahlversprechen bis jetzt verwirklicht und stattdessen zahlreiche Versprechen gebrochen habe. Dieckmann bezeichnete die NRW-Regierung sehr treffend als eine „Landesregierung light“. Sowohl der Innenminister, der in Zukunft auf der Autobahn bei Stau wenden möchte, als auch der Verkehrsminister, dessen Pläne sich wiederholt als undurchführbar erwiesen hätten und nicht zuletzt die Bildungsministerin Sommer demonstrierten die mangelnde Kompetenz. Die Konsequenz war klar: NRW braucht wieder eine bessere Regierung.

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Um 20 nach 1 betrat schließlich Peer Steinbrück die Bühne. Von seiner Rede ist mir vor allem eine Sache in Erinnerung geblieben: Er wollte den Genossen und Genossinnen wieder Selbstvertrauen geben und sie motivieren. Und das gelang ihm. Nachdem er den Wahlkämpfern der NRWSPD noch einmal für den Landtagswahlkampf gedankt hatte, beschrieb er klar die Leitlinie der Bundespolitik für die kommende Legislaturperiode: Wir brauchen einen handlungsfähigeren Staat, der trotz der Globalisierung sozial bleiben muss. Die SPD müsse sich in der Koalition als Verfechter der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit profilieren.

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Er erklärte sehr verständlich, dass man beim Haushalt Prioritäten in Bereichen wie Bildung und Forschung setzen, aber natürlich auch Nachrangigkeiten definieren muss. Er verteidigte die Mehrwertsteuer-Erhöhung deshalb als notwendigen „sauren Apfel“, um in Zukunftsbereiche investieren, aber auch die Altersversorgung aufrecht erhalten zu können.
Abschließend erinnerte er an die Erfolge der rot-grünen Bundes- und Landesregierung und ermutigte seine Partei selbstbewusster aufzutreten und die Erfolge nach außen zu kommunizieren. Die „politische Selbstgeißelung“ müsse ein Ende haben, und es müsse nun damit begonnen werden, wieder Selbstvertrauen zu fassen und sich auf eine Regierungsübernahme in NRW vorzubereiten.
Ich habe Peer Steinbrück immer als authentischen und kompetenten Politiker wahrgenommen, und dieser Eindruck wurde bei der heutigen Veranstaltung noch einmal voll bestätigt. Er hat es geschafft, die Situation klar darzustellen, Perspektiven aufzuzeigen und die Zuhörer zu motivieren sich weiter selbstbewusst zu engagieren. Eigentlich als kühler Denker bekannt, zeigte er sich heute als enthusiastischer Redner und dafür bekam er am Ende seiner Rede auch Standing Ovations.

Und dann war mein erster politischer Aschermittwoch auch schon vorbei. Was habe ich mitgenommen?
– der Kölner Gürzenich ist wirklich schön
– Wilfried Schmickler ist ein 1 A Kabarettist
– NRW braucht dringend eine neue Regierung
– Respekt und Anerkennung für Peer Steinbrück
– und mein Lieblingszitat aus seiner Rede: „Es gibt überhaupt nur eine Partei, in der sich alle lieben: Und das ist die SPD.“

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In diesem Sinne…


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6 Kommentare

  1. TylerDurden 2. März 2006 · 11:51 Uhr

    Als Schmicklerfan würde ich mich freuen, wenn ihr so etwas mal mitschneiden und die moderne Technik mal nutzen würdet, um so was mal ins Netz zu stellen. In Zeiten, wo es wie bei Ehrensenf sogar Internetfernsehen gibt, sollte das doch drin sein, oder?

    Was ich mich außerdem immer Frage: Bei der Bundestagswahl wurde so viel über das Aussehen von Angela Merkel geschrieben, wann sagt dem guten Jochen Dieckmann mal endlich jemand was über seine Haare? Matratze ab, Jochen.

    „Ich habe Peer Steinbrück immer als authentischen und kompetenten Politiker wahrgenommen, und dieser Eindruck wurde bei der heutigen Veranstaltung noch einmal voll bestätigt. Er hat es geschafft, die Situation klar darzustellen, Perspektiven aufzuzeigen und die Zuhörer zu motivieren sich weiter selbstbewusst zu engagieren.“
    Das klingt ja fast wie ein Bewerbungsschreiben für den Peer.

    Ansonsten netter Bericht. Ich bin trotzdem froh, dass Karneval jetzt erst Mal vorbei ist. ;-)

  2. Tobias 2. März 2006 · 13:09 Uhr

    Bis auf diese komischen Alphörner wars echt klasse gestern im Gürzenich. Hoffentlich gibts nächstes wieder ein Rahmenprogramm für Rheinländer (und nicht für Westfalen…:-))

  3. Tobias 2. März 2006 · 13:10 Uhr

    hab zwischen „nächstes“ und „wieder“ das „Jahr“ vergessen… sorry

  4. Benno 2. März 2006 · 14:29 Uhr

    Das, was ich über’s Fernsehen von Peers Rede mitgekriegt habe, war in der Tat mal wieder sehr wohltuend klar und ehrlich. Ich freue mich auch sehr darüber, dass Peer (wie es seine Art ist) seinem Versprechen treu geblieben ist, sich auch als Bundesfinanzminister weiterhin für NRW zu engagieren — er ist ja seit seinem Amtsantritt schon etliche Male wieder hier im Land aufgetreten, und das ist auch nur gut so. Ich sag’s ganz offen: Peer sollte sich hier im Land unbedingt im Gespräch halten. Denn ich würde es mir sehr wünschen, dass er 2010 wieder als Spitzenkandidat anträte. Und sofern er sich als Finanzminister keine schwerwiegenden Schrammen abholt (was ich aber auch nicht glaube), halte ich das wirklich nicht für unrealistisch.

  5. Karin 3. März 2006 · 10:30 Uhr

    @TylerDurden
    Wahrscheinlich hast du es schon gesehen, falls nicht: quasi nur für dich haben wir einen kleinen Ausschnitt von Wilfried Schmickler online gestellt. Viel Spaß damit!

  6. TylerDurden 3. März 2006 · 12:32 Uhr

    @ Karin
    Danke,
    hier wird einem ja praktisch jeder Wunsch von den AUgen abgelesen. ;-)

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.