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Foto: inferis , Creative Commons

Die Diskussion um den Einbürgerungstest hat eine noch skurrilere Form angenommen: Wie die Bild heute berichtet, denken Politiker darüber nach, Ausländern, die die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben wollen, eine DVD zuzuschicken, auf der „typische Szenen“ aus Deutschland zu sehen sein. Eine dieser typischen Szenen wäre zum Beispiel, dass Frauen in der Öffentlichkeit oben ohne baden, womit man in Deutschland ja zwangsläufig jeden Tag konfrontiert wird! Vorbild dafür ist eine bereits existierende „Einbürgerungs-DVD“ der Niederlanden.

Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach sagte der Bild, dass eine solche DVD ein ideales Hilfsmittel sei, um Menschen mit der Geschichte, Kultur und Rechtsordnung Deutschlands vertraut zu machen. Ist nackt sein also ein zentrales Element unserer Geschichte und Identität – und keiner hat´s gewusst? Sehr interessant ist auch, dass in diesem Kontext selbst der CSU-Innenexperte Stephan Mayer erklärte, dass offene Homosexualität in Deutschland zum Alltag gehöre, wo seine Partei ja wirklich ein Musterbeispiel an Toleranz in der Frage der Homo-Ehe ist.
Wenn das so ist, Herr Bosbach, dann machen sie sich mal nackig und Herr Mayer, willkommen auf dem nächsten Christopher Street Day!


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8 Kommentare

  1. Benno 17. März 2006 · 14:19 Uhr

    Ich glaube, die Leute, die sich diesen hirnverbrannten Mist ausdenken, haben zu viel Zeit.

    Ich verstehe auch nicht, warum man sich die holländische DVD jetzt plötzlich zum Vorbild nimmt — schließlich mussten aus der, wie ich gelesen habe, Szenen herausgeschnitten werden, in denen Homosexuelle und nackte Frauen zu sehen waren, nachdem sich muslimische Verbände beschwert hatten.

    Solche Konzepte wie der unangemessen schwierige Einbürgerungstest sowie dieses Video haben jedenfalls nichts mehr mit einem ordentlichen Einbürgerungsverfahren zu tun — in meinen Augen ist das alles Schikane und Provokation.

    Im Übrigen: Es soll auch Deutsche geben, die Nacktbadende nicht ausstehen können. Sollen die dann direkt wieder ausgebürgert werden, weil sie damit nicht mehr „urdeutschen Idealen“ genügen?

    Alles Schwachsinn hoch drei — aber das passt ja zu dem Hype, der derzeit um diese absolut talentfreie „Isch liebe disch“-Heulbojen-Gruppe gemacht wird. Deutschland ist mal wieder auf dem besten Wege, sich zum Affen zu machen.

  2. Kai 17. März 2006 · 16:07 Uhr

    Mal abgesehen vom Thema, das sicherlich diskussionswürdig ist, hielte ich es für begrüssenswert, wenn man sich in Zukunft nicht unbedingt auf Meldungen der BILD Zeitung beruft und diese dadurch noch als Quelle aufwertet. Nicht nur seit ich bildblog.de verfolge, habe ich eine tiefe Abneigung gegenüber dem was dort geschrieben steht. Die BILD Zeitung treibt jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf und geht dabei wirklich menschenverachtend vor. Das muss man nicht noch aufwerten.

  3. Carsten Wawer 17. März 2006 · 17:09 Uhr

    @Kai: Und da möchte ich Dir nicht widersprechen. Aber eins kann man der Bild (leider, leider) nicht absprechen: Deutschlands Meinungsmacher Nr.1 zu sein.

    Und da halte ich es für sinnvoll die Themen der Bild-Zeitung auch hier Blog zu diskutieren…

    Aber ich komme vom Thema ab: Ich hätte gerne noch folgende Szenen auf der DVD: Dieter Bohlen, Schnappi das Krokodil, Mutter Beimer, Richterin Barbara Salesch, deutsche Grand-Prix-Songs der letzten 20 Jahre, die 4 Gegentore im Spiel Deutschland – Italien, eine Handvoll Szenen von DSDS, Popstar, Dancestar, Big-Brother-Casting-Opfern und das Helmut-Kohl-Ehrenwort. Wer sich einbürgern lassen will soll ja nicht nachher sagen, daß er nicht wusste worauf er sich einlässt ;-)

  4. Markus 17. März 2006 · 20:42 Uhr

    @ Benno: Ich glaube, du hast die Idee der DVD nicht verstanden. Nacktsein oder Schwulsein ist kein deutsche oder westliche Tugend – man muß es auch nicht nachahmen – aber Offenheit und Aufgeschlossenheit diesen Dingen gegenüber sind durchaus westliche Werte. Darum geht es also.

    Du schreibst: „Es soll auch Deutsche geben, die Nacktbadende nicht ausstehen können. Sollen die dann direkt wieder ausgebürgert werden, weil sie damit nicht mehr „urdeutschen Idealen“ genügen?“ Auch dieses Argument ist leicht ad absurdum zu führen – natürlich sollen wir diese Leute nicht ausbürgern, das geht ja gar nicht. Aber wir müssen ja nicht unbedingt zulassen, dass es noch mehr werden. Wenn wir schon die Auswahl haben, warum sollten wir, salopp gesagt, die „schlechten“ nehmen?

  5. Kai 18. März 2006 · 0:13 Uhr

    @Carsten: Ja, und was macht sie zum Meinungsmacher? Unter anderem die Tatsache, dass man sie zitiert und sich auf sie beruft. Und da schließt sich der Kreis.

    Zum Thema: So hanebüchen die Idee einer Best-of DVD auch ist, so sehr muss auf der anderen Seite doch auch nüchtern überlegt werden, welche Probleme bei der Integration vorliegen und wie diese zu lösen sind. Ansonsten überlässt man „den anderen“ die Definitionshoheit in diesem Bereich. Und was dabei für Unsinn herauskommt (Auswendiglernfragebögen), kann man ja momentan fast täglich beobachten. Ich vermisse hier die originär sozialdemokratischen Ansätze.

    (Und zwei Wünsche an die Damen und Herren Administratoren: 1. RSS Feeds für die Kommentare, und 2. _etwas_ HTML für die Kommentare wie „b“ und „blockquote“, Danke :)

  6. Benno 18. März 2006 · 0:41 Uhr

    @Markus:

    Ich habe den Hintergedanken der DVD sehr wohl verstanden — nur sollten sich deren Entwickler mal überlegen, ob ihr Produkt gerade von muslimischen Einbürgerungs-Bewerbern nicht als Provokation aufgefasst werden könnte. Denn das ist offenkundig der Fall, wie die Reaktionen in den Niederlanden gezeigt haben. Man erreicht eine Integration der Neubürger ganz bestimmt nicht, indem man ihnen auf die aggressive Tour kommt.

    Mal abgesehen davon: Sollte sich das Einbürgerungsverfahren nicht vielmehr darauf konzentrieren, ob der Bewerber verfassungstreu ist und das deutsche Staatswesen respektiert? Nirgendwo steht im Grundgesetz geschrieben, dass man Nacktbaden gut finden soll — da steht lediglich, dass man andere Menschen (also auch Nacktbadende) nicht diskriminieren darf. Und zwischen „diskriminieren“ und „nicht mögen“ liegt noch ein himmelweiter Unterschied. Denn das eine geschieht in ganz offener, aggressiver Form, während das andere in stiller, kritischer, dabei aber friedlicher Weise vonstatten geht. Kurzum: „Diskriminieren“ ist verboten, „nicht mögen“ ist hingegen völlig OK.

    Angesichts der schlichten Tatsache, dass jeder Mensch (also z.B. auch jeder „Ur-Deutsche“) ein ganz individuelles Wertegerüst hat, kann man einem Neubürger beim besten Willen keine festgefügte, vorgefertigte Wertordnung aufzwingen. Solange sich alles im Rahmen des Grundgesetzes und im Rahmen der Regeln eines friedlichen Miteinanders abspielt, ist doch noch alles im grünen Bereich.

    Und was dein Argument angeht, man solle doch nicht gerade die „Schlechten“ nehmen: Ja, was erwartest du denn? Den „Super-Neubürger“? Jeder Mensch hat doch seine Schwächen und Macken. Du wirst es nie ausschließen können, dass der jeweilige Neubürger irgendeine unbequeme Charaktereigenschaft mitbringt. Da kann er noch so aufgeschlossen gegenüber Nacktbadern sein — wenn er z.B. zugleich die Meinung vertritt, Frauen seien schlechte Autofahrer, ist er plötzlich dann doch wieder eine gewisse Belastung für die Gesellschaft. Aber wie gesagt: Solange er damit nicht gegen geltende Gesetze verstößt, sich also alles in einem friedlichen Rahmen hält, ist das hinzunehmen — und sei es für jeden, der eine andere Meinung vertritt als er, auch noch so ärgerlich. Dafür leben wir schließlich in einer pluralistischen Gesellschaft.

  7. Nils 18. März 2006 · 1:08 Uhr

    DVD muss gepresst werden: Arbeitsplätze werden geschaffen. Verbände beschweren sich über Nackte und Schwule: DVD muss editiert werden. Und schon haben wir wieder zwei Arbeitsplätze mehr. Also alles eine Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme. Sonst hat das keinen besonderen Sinn… ;-)

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