„Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ sagte Winston Churchill einmal. Helmut Kohl scheint diese „Weisheit“ allerdings unbeeindruckt gelassen zu haben, denn er hat das politische Lager trotz seines fortgeschrittenen Alters gerade gewechselt – zumindest in Italien. Der konservative Ex-Bundeskanzler unterstützt derzeit im italienischen Parlamentswahlkampf den Herausforderer Berlusconis, Romano Prodi, der das Mitte-Links Bündnis anführt. Zu diesem Bündnis gehören auch zwei kommunistische Parteien. Seinen Besuch Ende Februar in Italien wollte Kohl ausdrücklich „als Unterstützung für Prodi verstanden [wissen], der ein großer Europäer ist“, erklärte er vor Journalisten. Mit dem Parteiergreifen für Prodi dreht sich der Ex-Bundeskanzler nicht nur in seiner eigenen Gesinnung um 180 Grad, sondern stellt sich auch gegen Angela Merkel. Letztere unterstützt nämlich Berlusconis Forza Italia, die Mitglied in der Parteienfamilie der EVP ist.

italien.jpg

Auf eine klare Unterstützung von Seiten Merkels muss Berlusconi anscheinend aber noch warten, da Merkel sich bis jetzt noch nicht von Kohls Verhalten distanziert hat. Dieser gab als Grund für seine Unterstützung abgesehen von der engen freundschaftlichen Beziehung zu Prodi an, dass Italien bisher immer „fest an der Seite Europas stand. Nicht nur mit Worten, sondern mit Tatsachen. Heute fehlt diese Stimme aus Italien“. Angesichts der offenen Kritik an ihrem Partner in Italien, hätte Angela Merkel eine klare Reaktion zeigen sollen. Die fehlt allerdings bist heute.
Diese Woche feiert die EVP den 30. Jahrestag ihrer Gründung – ohne Helmut Kohl. Er ist auf Auslandsreise und sagt Berlusconi, der bei den Feierlichkeiten angesichts der anstehenden Wahlen am 9. April natürlich eine zentrale Rolle spielt, jegliche Unterstützung ab. Doch auch Angela Merkel ließ sich in Rom noch nicht blicken (zumindest hab ich nichts darüber gefunden) Oder gehört sie vielelicht auch zu den Kritikern, die eine praktische Umsetzung der gemeinsamen christlichen und demokratischen Werte der Parteienfamilie EVP im Verhalten Berlusconis vermissen?
Die alles entscheidende Frage lautet aber natürlich: Warum? Warum engagiert sich Kohl plötzlich für das Mitte-Linksbündnis in Italien? Und warum reagiert Frau Merkel nicht? Die Printausgabe der Zeit hat darauf gleich mehrere Antworten. Kohl könnte seine Unterstützung Prodis als Rehabilitationsmaßnahme geplant haben, um die Spendenaffäre vergessen zu machen. Oder er möchte an seinem Geschichtsbild feilen, immerhin hat er schon immer gute Beziehungen mit Politikern der politischen Linken, wie zum Beispiel Francois Mitterrand, unterhalten.
Kohl selbst begründet die Unterstützung Prodis mit der engen freundschaftlichen Beziehung, die beide verbindet. Welcher dieser Gründe nun zutrifft, bleibt den eigenen Spekulationen überlassen. Etwas handfester hingegen ist die Vermutung der Zeit, dass Kohl sich mit dieser Aktion die Rückkehr in den Ehrenvorsitz der CDU möglicherweise endgültig verbaut hat.


Du kannst die Kommentare zu diesen Artikel durch den Kommentar-Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

5 Kommentare

  1. anja 31. März 2006 · 14:07 Uhr

    Prodi entstammt einer Mitte-Koalition, er ist vielleicht „linker“ ist als unsere Konservativen, aber er stammt immer noch aus der christdemokratischen Tradition. Es geht darüber hinaus bei diesen Wahlen um viel mehr als um die Entscheidung Links oder Rechts – es geht um Demokratie oder nicht, Berlusconi oder Prodi. Kritsch anmerken muss man dazu, dass die sozialen Reformvorhaben des Mitte-Links-Bündnisses sehr zögerlich sind, nicht nur weil die Italiener unter der propagandistischen „Fuchtel“ Berlusconis und des Vatikans stehen, sondern weil an diesem Bündnis, neben den Kommunisten, auch die „Katholiken“ beteiligt sind… Hoffen wir, dass diese Zweckehe einigermaßen stabil sein wird.

  2. bazinho 31. März 2006 · 15:30 Uhr

    @anja

    hast Recht, es geht in Italien vor allem um Demokratie oder Nichtdemokratie. Die Demokratie wird immer von den gemäßigten Kräften getragen, davon wußte schon Platon zuberichten. Es ist schon tragisch, wenn sich die gemäßigten Kräfte der Linken, Liberalen und Konservativen zusammenschließen, gar noch die Kommunisten mit ins Boot holen und es trotzdem in den Sternen steht, ob es mehr Stimmen werden als für die Koalition aus einer Wirtschaftsverbrecher-Partei, völkischrassistischen Separatisten und zweier Faschismusableger.

  3. Volker Münchow 31. März 2006 · 22:05 Uhr

    Ich bin jedenfalls froh, wenn nächste Woche Italien wieder in den Schoss Europas zurückkehrt und Berlusconi wieder in der Versenkung verschwindet, oder besser noch im Zuchthaus.

  4. anja 4. April 2006 · 15:20 Uhr

    Wir hoffe alle, dass Italien in den Schoß Europas zurückfindet, generell sind die Italiener für Frieden, für Europa und auch für soziale Reformen, es ist aber spürbar, dass die letzten fünf Jahre Spuren hinterlassen haben: Man weiß nicht mehr was „normale“ politische Praxis ist, es hat sich eine zynische rundstimmung eingeschlichen und die Identifikation mit dem eigenen Land wird immer schwächer.

    Noch ein Kommentar zu bazinho: Du hast vollkommen Recht, doch muss man auch sagen, dass die italienischen Kommunisten nicht unbedingt vergleichbar sind mit den hiesigen oder gar den internationalen Machthabern Die Gefahr geht z.Zt. dort, eben auch in Bezug auf das Mitte-Links-Bündnis, von der kath. Kirche aus, die sich nicht nur vermehrt in die Politik einmischt, sondern auch inhaltlich riesige Schritte Richtung Mittelalter macht – Misogynie, Homophobie und eine allgemeine Verachtung gegenüber Andersdenkenden macht sich breit. Der Boden ist fruchtbar, denn auch in der jetzigen Regerung hat der Vatikan ein stabiles Standbein – Pera (Senatvorsitzender) hat sich bei Bush beklagt, die christlichen Wurzeln Europas seien leider leider nicht so ausgeprägt wie in den USA – und inwiefern die dort verwurzelt sin, wissen wir ja. Leider hat die Gesellschaft schon einen immensen Schaden davongetragen: Gewaltverbrechen, Extremansichten aller Art, Chauvinismus der übelsten Sorte werden immer alltäglicher — allein die Zahl der Vergewaltigungen ist sprunghaft angestiegen, und nicht, wie Berlusconi&Co. das sagen, durch Einwanderer — In den letzten drei Monaten sind zwei Gerichtsurteile gegen Vergewaltiger ergangen, bei denen sich alle sozialen Nackenhaare sträuben: einer hat mildernde Umstände bekommen, weil das Mädchen (14) keine Jungfrau mehr war, der andere, weil Opfer wie Täter in einem sozialen Brennpunkt lebten … zum Glück nicht widerspruchslos, noch nicht

    HOFFEN WIR ALSO

  5. anja 6. April 2006 · 15:20 Uhr

    Belgien – Le Soir. Der Politologe Pietro Scoppola analysiert im
    Interview mit Vanja Luksic die Bedeutung der Religion für die
    italienische Gesellschaft. „In den 1970er Jahren hat man
    vorausgesagt, der Einfluss der Religion werde mit der
    wirtschaftlichen Entwicklung immer geringer. Das hat sich als
    völlig falsch herausgestellt, seit dem Zusammenbruch der
    Ideologien ist das Gegenteil passiert… In Italien gibt es
    keinen monolithischen Katholizismus. In beiden Bündnissen gibt
    es Katholiken. Rechts sind sie in der christdemokratischen UDC,
    die mit den kirchlichen Autoritäten intensive gegenseitige
    Beziehungen pflegt. Im Prinzip sagen sie der Kirche: Wir setzen
    uns bei den Gesetzen für euch ein, … und bitten dafür um
    Unterstützung bei den Wahlen… Bei den Linken gibt es
    Katholiken, die sich stärker dem Ehrenamt, der Solidarität
    und der Aufmerksamkeit für die Dritte Welt widmen.“ +++
    http://www.lesoir.be

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.