Manchmal wundere ich mich nicht, wenn ich die Bild-Zeitung aufschlage. Zum Beispiel heute:

arnulf_baring_in_bild.jpg

Ist schon gruselig mit was die Bild hier Stimmung macht. Zuallererst müsste man wohl ersteinmal ein paar Sätze zum (laut Bild) „klügsten Kopf Deutschlands“ verlieren… Daß ein Vertreter der neuen Rechten sich nicht positiv zum Thema Multi-Kulturelle Gesellschaft äußern würde war ja klar. Vielleicht sollte man (um die Thesen Barings korrekt einordnen zu können) auch wissen, daß der Berliner Historiker auch gerne mal von Rechtsnationalen auf Veranstaltungen eingeladen wird. Auch wenn sich Baring öffentlich vom Veranstalter distanziert sagt die Tatsache, daß man ihn sprechen lassen wollte doch eine Menge über die inhaltliche Ausrichtung von „Deutschlands klügstem Kopf“. Auch fühlt sich Baring in diesem einen Fall vieleicht hinters Licht geführt. Aber sollte er tatsächlich nicht gewusst haben, daß es sich bei der jungen Freiheit, die Baring unterstützt, um eine zumindestens fragwürdige Publikation handelt? Einen Blick in Wikipedia ist sehr aufschlussreich:

Die Junge Freiheit verwendete zwischen 1992 und 1993 für ihre Abonnentenwerbung den Slogan „Eine Konservative Revolution.“. Dies wie auch die Auswahl der Themen und Stammautoren zeigt nach Einschätzung von Extremismusforschern – u.a. Wolfgang Gessenharter, Armin Pfahl-Traughber, Uwe Backes, Thomas Pfeiffer – die politische Ausrichtung des Blattes: Sie knüpfe geistig und strategisch an die antidemokratische, deutschnationale Strömung gleichen Namens in der Weimarer Republik an.

Kritiker sehen bei der Jungen Freiheit den Versuch, Themen, die sonst überwiegend von Rechtsextremisten benutzt werden, zu enttabuisieren und in einen breiten Diskurs zu überführen. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Extremismus der Mitte“, den auch demokratische Politiker mit Interviews in der Jungen Freiheit förderten.

Auch sollte man wissen, daß sich Baring im Jahr 2003 folgendermaßen in der Sendung „Nachtstudio“ im ZDF geäußert hat:

„Der Hitler hat ja in einem Maße dieses Land in Bewegung gebracht, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Er hat in den 30er Jahren, was bis in die 40er, 50er – man kann sagen – in die 60er Jahre weitergewirkt hat, den Leuten einen Elan vermittelt, der vollkommen von uns gewichen ist.“ – Arnulf Baring im Nachtstudio des ZDF, 9. November 2003

Die Reaktionen auf einen solchen Auftritt ließen nicht lange auf sich warten:

Ein „Nachtstudio“-Redakteur sagte allerdings der taz, er würde Baring nicht wieder einladen. Er habe dessen Äußerungen indiskutabel gefunden und wolle „der Verbreitung solcher Meinungen keine Plattform“ geben.

Auch Barings Ansichten über die ehemaligen deutschen Gebiete im heutigen Polen stimmen nachdenklich:

Wo beginnt der bekennende Nationalsozialismus? 1990 schrieb Arnulf Baring in der Welt über ehemals deutsche Gebiete im heutigen Polen: „Auf längere Sicht werden die Deutschen sich dieser Gebiete wieder erinnern. Es wird selbstverständlich werden, nicht mehr die polnischen Namen zu benutzen, was eine Form von Sklavensprache ist, eine gehemmte, unfreie Untertanen-Mentalität zeigt.“ Wenn ein Argumentationsmuster erst einmal kenntlich wird, dann stimmen plötzlich auch Appelle misstrauisch, die für sich genommen ganz legitim erscheinen. Am 19. November 2002 rief Baring in der FAZ die „Bürger auf die Barrikaden“: Die Situation sei reif „für einen Aufstand gegen das erstarrte Parteiensystem“. Was meint einer wie er damit?

Daß Baring dafür eintritt, daß ein Bundespräsident die Möglichkeit bekommen sollte, Gesetze in Form von Notverordnungen am Parlament vorbei zu erlassen setzt dem ganzen für mich die Krone auf…

Solls mich wundern? Wohl eher nicht, oder?

UPDATE: Berichtet wird bisher auch bei problematik.net und FUCKUP

UPDATE 15:42: Inzwischen hat sich auch der Spiegel des Themas angenommen und schreibt in höchstem Maße amüsant aber auch einfach nur gut:

In der Zeitung mit den ganz dicken Balken über dem Bruch teilt uns heute „Deutschlands klügster Kopf“ mit: „Das läuft mit den Ausländern falsch!“ Im anschließenden Interview erklärt der Historiker Arnulf Baring, der Deutschland schon vergangenes Jahr über Notverordnungen (!) regiert sehen wollte, dann jenen Satz, der seit dem Hilferuf der Rütli-Schule an jedem Stammtisch zu hören ist: „Multikulti ist gescheitert.“ Schuld daran sind – so sehen es die Konservativen – natürlich die „Multikulti-Befürworter“, also jene rot-grünen Dummdeutschen, die in den vergangenen Jahrzehnten immer brav und arglos zwischen kurdischem Volksfest (vermutlich heimliche Terroristenversammlung) und libanesisch geführtem Italiener-an-der-Ecke (Schnauzbart, sehr suspekt) hin- und hergependelt sind. Freilich ohne zu merken, wie der Kurde und der südländische Kellner heimlich ihre blitzenden Messer wetzen, schlecht über unsere deutschen Frauen reden und hinter unserem Rücken ein unfriendly Takeover der Bundesrepublik vorbereiten. Wie gut, dass uns Arnulf Baring gerade noch rechtzeitig gewarnt hat!

Mehr gibt es hier…

UDATE 16:48: Im politikblog gibt es nun auch einen interessanten Artikel.


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12 Kommentare

  1. Roter Kanzler 5. April 2006 · 18:58 Uhr

    Einfach nur gut der Artikel vom Spiegel. An dieser Stelle muss ich aber wieder aufhören zuschreiben, denn wenn ich weiter an dieses „Blatt“ (meine jetzt nicht den Spiegel) und an den Megastar der Gehirne denke, mache ich mich noch der Beleidigung oder etwas schuldig.

  2. Roter Kanzler 5. April 2006 · 19:01 Uhr

    Ich habe an dieser Stelle noch einen Tipp für „Nicht-Stamm-Tisch’ler“

    http://bildblog.de/

    Einfach lesen und freuen.

  3. Arno Koch 5. April 2006 · 19:15 Uhr

    Wieso wird er eigentlich in der Zeitung (die ich übrigens wirklich in meinem gesamten Leben noch nicht ein einziges mal käuflich erworben habe) Deutschlands klügster Kopf genannt?

  4. c0t0d0s0.org 6. April 2006 · 12:38 Uhr

    Von ganz alten Gedanken in neuen Schläuchen

    Warum sich in Deutschland vor nunmehr über 70 Jahren ein Milleu herausbilden konnte, auf dessen Basis dann einige Jahr später Millionen von Menschen getötet oder verschleppt worden sind, wird mir mittlerweile ein ganzes Stück klarer.
    Wenn in Deutsch

  5. http://www.c0t0d0s0.org 6. April 2006 · 16:03 Uhr

    Schlimm ist aus meiner Sicht nur, wie leicht sich die Bildzeitung (und konservative Kreise) fuer eine logisch durchdacht sehr tiefbraun erscheinende Denkweise vereinnahmen laesst. (siehe auch hier).

  6. Roter Baron 6. April 2006 · 22:00 Uhr

    In der Tat, das finde ich auch äußerst bedenklich. Das die BILD das Kampfblatt der Konservativen ist, wissen wir ja bereits (insbesondere der **** von der zweiten Seite, auch Herr Wagner genannt, greift hier täglich ins braune – ääähh trifft ins schwarze.
    Wenn nun allerdings so bedenkliche Leute wie Baring auftreten, wird es wirklich kritisch…

  7. Jammalappe 7. April 2006 · 12:11 Uhr

    An alle (rot wie schwarz):

    „Wenn ihr meint Bildung sei teuer, wartet ab und schaut wie teuer Dummheit ist“

    Dasselbe lässt sich (imho) zu den themen gesundheit, integration und (jugend-) arbeitslosigkeit feststellen.

    Wann werden die selbsternannten Experten der Rot-Schwarzen Regierung endlich anfangen auch nach solch einfachen (kapieren in freier Wildbahn und nicht-Politikerfamilien auch die 8jährigen) Feststellungen handeln.

    Die Grad der auch qua Bildzeitung vermittelte Volksverdummung steht direkt im proportionalen Zusammenhang mit dem Quatsch den entsprechende Politeliten hierzulande verbreiten.
    War es nicht Gerhard Schröder der der Springer-Presse (zumindest bis kurz vor seiner Abwahl, als der Wind sich drehte) den entsprechenden Hofstaat bot.

    Eine selbstkritische Auseinandersetzung und die Frage nach der eigenen Identität täte den Genossen (imho) besser bzw. würde wohl mehr bringen als diese reflexartigen, pavlovschen Schnappreaktionen in Richtung Bildzeitung.

    Das wirkt vielleicht glaubwürdig wenn das bildblog macht jedoch nicht wenns die Genossen (die, die kuscheln mit den Bossen !) versuchen.

    Das die Bildzeitung ein Medium nahe der CDU/CSU (also wohl auch eher dem konservativen Lager zuzurechnen ist) haben die Genossen wohl erst kürzlich bemerkt (Dutschke und co. halt schon 40 Jahre eher).

    Naja, wer zu spät kommt…..

  8. Thomas 7. April 2006 · 12:24 Uhr

    Mein türkisch-stämmiger Tankwart hat laut gelacht, als ich kopfschüttelnd auf diese Titelseite der an der Kasse ausliegenden Springer-Postille gedeutet habe: „Der hat doch keine Ahnung, der Mann. Zu viel Geld!“ Die Entfernung zwischen einem Baring auf der einen Seite und meinem Tankwart und mir auf der anderen Seite der Gesellschaft ist damit gut auf den Punkt gebracht. Baring weiß nichts über die Umstände, in denen viele Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund leben. Der Tankwart ist Unternehmer, ich bin Freiberufler. Was ist eigentlich Herr Baring? Wir haben dann beide gelacht.

  9. TS 7. April 2006 · 15:25 Uhr

    Hallo Leute,

    passt zwar nicht hierhin, wollte aber trotzdem mal fragen, warum hier nix über die beiden Volksinitiativen im Jugendbereich gebracht wird?

    Ich fäns interessant, wenn ihr mal drüber berichten würdet

  10. Peter 12. April 2006 · 17:15 Uhr

    „…und wolle ‚der Verbreitung solcher Meinungen keine Plattform‘ geben.“

    Na da scheinen sich ja die Jungs vom ZDF nicht so ganz einig zu sein….

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/inhalt/6/0,4070,3922662-0,00.html

  11. Ralf 29. Mai 2008 · 9:59 Uhr

    Schöne Arbeit!

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.