Nachdem bei meinespd.net ein Beck-kritisches Forum gelöscht worden ist, diskutiert die bundesdeutsche Blog-Szene angestoßen etwa von Robert Basic nunmehr über Sinn und Unsinn, Qualität und Minderwertigkeit von Politblogs, genauer, Blogs, deren Verfasser Politikerinnen und Politiker sind. Ging es zunächst um die konkrete Reaktion des SPD-Parteivorstandes und die Frage der „Zensur“, beschäftigt man sich jetzt mehr mit übergeordneten Themen: Warum gibt es so wenige bloggende Politikerinnen in Deutschland? Ein liebevoll betreutes Weblog, in dem Stadtrat oder Bürgermeisterin ihre politische Meinung verständlich darlegen, würde bereits erfreuen! Schließlich muss und soll auch nicht immer der große philosophische Wurf geliefert werden. Und auf der anderen Seite: Lohnt sich zeitaufwändiges Bloggen etwa für Lokalpolitiker überhaupt?

Basic fragte nach Blogs von Politikerinnen und Politikern, möglichst solchen, die über das Einstellen von Pressemitteilungen und Konkurrentenhäme hinaus gehen. Er erhielt viele, viele Kommentare mit Linkhinweisen. Zu seinem Bedauern nur Links leider nur weniger gut gemachter Blogs, mancher wirft ihm vor, er habe sehr hohe Ansprüche.. Das finde ich nicht, es geht doch darum, dass Autorinnen und Autoren ihre politische Meinung in verständlichen Worten auf den Punkt bringen! Was sie sowieso beherrschen sollten. Und so entsetzlich zeitaufwändig ist es doch auch wieder nicht, ein Thema, in dem man firm ist und mit dem man sich tagein, tagaus beschäftigt, kurz niederzuschreiben. Dazu jedoch Oswald Prucker bei Basic auf meinen Kommentar hin:

„Wahrscheinlich sprichst du von halbprofessionellen Stadtpolitikern. Da mag eine gewisse Grundkenntnis im Schreiben zu erwarten sein. Auf dem Dorf ist das nicht so. Schreiben ist für viele Gemeinderäte eine große Hürde. Der Handwerker schreibt bestenfalls Rechnungen. Andererseits: was geschrieben steht kann jederzeit gegen dich verwendet werden und das wird es auch!“

Allerdings ist anzumerken: Woher soll bei den Politikerinnen und Politikern kommen, was in der deutschen Blogszene auch keine Tradition hat! Man zeige mir journalistische politische bundesdeutsche Blogger, die uneitel dranbleiben an den aktuellen politischen Themen und sie mit einigem Fleiß, einiger Sorgfalt und! einigem Hintergrundwissen bearbeiten. Dazu Oliver Zeisberger im Basic-Blog:

„Weil es ja auch durch den Spiegel mit angeheizt wird: Sind Blogger im Ausland politischer? Viele der großen Blogs in USA sind politsche Blogs, zum Teil mit der Leserschaft einer mittelgroßen Tageszeitung. Als Pendent unterhalten Präsidentschaftkandidaten und Politiker eigene Weblogs. Auch dazu ein Gedanke: Barack Obama oder Hillary Clinton und schon gar nicht McCain bloggen selber. Aber sie nehmen für eine begrenzte Zeit etablierte Blogger in ihr Team auf, die dann “on behalf of the campaign” bloggen. Ob das in Deutschland auch mal so kommen wird? Auch aufgrund einer eher unpolitischen oder politisch nicht besonders erfahrenen Blogger in Deutschland scheint mit die Absicht von Seiten der Politik auch in diesem Feld Kommunikation und Kontakte aufzubauen, eher unterentwickelt. Das ist nicht nur damit zu begründen, dass Politik unerfahren im Netz ist. Ich glaub, Blogger müssen auch ihrerseits näher an die Politik ran. Daraufschauen, durchblicken und berichten. Zu einer treffenden Analyse von Politik gehört noch immer ein gehöriges Arsenal an Hintergrundwissen, Methodenkenntnis und Einblick. Deckel aufmachen und reingucken.“

Für den Juso Robin Haseler überwiegen im Kommentar bei Basic die Vorteile:

„Was bringt es es zu bloggen (als Politiker)?

– Bei regionalen Suchbegriffen (auch denen der Konkurrenz) steht man definitiv auf Platz eins oder zwei bei Google. Ich bin zwar SPDler, aber wenn jemand nach dem CSU Landtagskandidaten sucht, findet man mich, nicht dessen Hompepage (hehe).

– Vernetzung von Mitgliedern. Mein Blog wird viel von Pateimitgliedern gelesen, die dann auch ihren Senf dazu geben. Sehr hilfreich abseits der Sitzungen Meinungen aufzufangen.

– Menschen die mal so auf den Blog schauen, verschaffen sich einen Überblick, was denn der Herr Haseler so macht und wie der einzuschätzen ist. Das hilft auch (meistens).“

Der Hamburger SPD-Mann Klaus Lübke berichtet aus der Perspektive eines den „neuen“ Medien wirklich aufgeschlossen gegenüberstehenden Politikers und das Problem: Wie erreiche ich meine Zielgruppe?

„Für einen Lokalpolitiker in Hamburg sieht die Sache schon anders aus. Natürlich merke ich, das meine Seite gelesen wird, doch frage ich mich ob ich auch meine eigentliche Zielgruppe erreiche. Das sind die Menschen vor Ort, die oft überhaupt nicht mitbekommen, worüber die Politik gerade diskutiert. Das sind die Menschen, von denen man erfahren möchte, was ihre Themen sind. […]

Machen wir uns doch noch einmal klar, das alleine auf den Elbinseln über 50.000 Menschen leben, von denen die meisten wohl noch nie auf eine lokalpolitische Internetseite geschaut haben. Wahrscheinlich ist es leichter unter ihnen eine Gruppe “1.000 Elbinsulaner, die George Bush nicht mögen” zusammen zu bringen, und es gibt ganz sicher mehr die nach Gina-Lisa und ihrem Video suchen.

Das Internet spielt eine Rolle, um weitere Kontakte zu pflegen, weil man nicht an jedem Ort zugleich sein kann. Und es ist ein zusätzliches Angebot.“

Wolf Witte kommt von der Löschung des SPD-Forums auf die Struktur von Parteien an sich: Sie sind eben mehr als Social Networks, nämlich hierarchisch gegliederte Organisationen, die sich zudem aufgrund ihres Machtanspruchs und durch ihr Angewiesensein auf Wählerstimmen ideell representativ zeigen.

Mehr Artikel:

Nico Lumma, Das Netz, die Politik und wir alle

cdv, Kommunalpolitik

ml, Warum Polit-Blogs nicht funktionieren

Oswald Prucker, Kommentar bei Robert Basic

Sebastian Reichel, 15 Minuten Ruhm für Philipp Geldmacher

Wie seht ihr die Zusammenhänge von Politblogs und der deutschen Blogszene allgemein?

Lohnen sich Blogs für Lokalpolitiker? Und für Bundespolitiker?

Eure Meinung interessiert mich sehr.


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5 Kommentare

  1. Hansjörg Schmidt 23. Juli 2008 · 22:35 Uhr

    > Lohnen sich Blogs für Lokalpolitiker?
    Ja, definitiv ;-)

  2. Politische Blogger - Bloggende Politiker (III): Zeitbudget und Arbeitsprozesse : reichelS.ORG 23. Juli 2008 · 22:44 Uhr

    […] Thema “Bloggende Politiker” ist ja nun in aller Munde. Da fiel mir doch gerade ein, dass dazu […]

  3. Jens Vogel 24. Juli 2008 · 0:38 Uhr

    Eine gute Frage, mittlerweile gibt es ja schon einige Blogs von Kommunalpolitikern und MdB´s im Netz. Auf der einen Seite finde ich es sinnvoll wenn Abgeordnete moderne Kommunikationsmittel wie Blogs/Videologs einsetzen, um mit den Menschen in Verbindung zutreten und zu diskutieren.

    Allerdings sehe ich das Problem in der Aktualität. Aufgrund voller Terminpläne schaffen MdB´s es nicht ihren Blog aktuell zu halten, diese Aufgabe fällt dann wieder den Mitarbeitern im Bürgerbüro zu und das wäre nicht so dolle und man könnte sich den Blog gleich sparen…

    Im Landratswahlkampf hatten wir Videopodcast eingesetzt und einen „Wahlkampfblog“, den ich dann mit Inhalt gefüllt habe… Einen Kandidatenblog, der zwar geplant war, wurde nicht umgesetzt… aus Zeitgründen..

  4. Arturo 24. Juli 2008 · 12:04 Uhr

    Markus Söder hatte vor wenigen Jahren als er noch General der CSU war auf seiner HP ein BLog seines Hundes. Es war auch noch ernst gemeint. Und ich konnte mich wochenlang totlachen

    Mit anderen Worten: Die meisten würden es sowieso nur zum Transport persönlicher Information nutzen. Das ist für einige sicher interessant, für andere – wie mich – eher ein Akt, der schnell zum Fremschämen führen kann.

    Ich halte eher den Aufbau „neutral“ gehaltener Blogs über Region und Stadt für besser.

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.