Immer mehr Hauptschullehrer wollen für ihre Schulform Veränderungen und sehen dringenden Handlungsbedarf. Während die CDU/FDP-Landesregierung krampfhaft am dreigliedrigen Schulsystem festhält, wagen die Kollegien klare Worte: „Das bisherige Schulsystem hat sich überlebt“, sagt Joachim Eckardt der Westfälischen Rundschau. Joachim Eckardt ist Sprecher aller Dortmunder Hauptschulen und selbst Leiter der Hauptschulen Nette und Mengede.

Eckardt hält den Zug für abgefahren, so formuliert er drastisch. Seit Jahren gehen an den Hauptschulen die Schülerzahlen drastisch zurück. Eltern und Kinder entscheiden sich heute zuungunsten der Hauptschule – und zugunsten eines eher durchlässigeren Schulsystems, das eher sozialen Aufstieg ermöglicht. Dem Schülerschwund wird bloß mit Zusammenlegung von Schulen und Kollegien begegnet.

Die Lehrerinnen und Lehrer an den Hauptschulen halten tapfer die Stellung und machen ihre Arbeit, obwohl manche schon lange nicht mehr von der Hauptschule als Schulform überzeugt sind. Eine Arbeit, die zu einem großen Teil darin besteht, Versäumnisse aus Elternhäusern und der Gesellschaft irgendwie beizubiegen. „Die Hauptschulen haben viele gesellschaftliche Probleme auffangen müssen“, sagt Eckardt. Klassen mit zehn oder mehr Nationalitäten sind heute keine Seltenheit mehr. Was an sich ja spannend und interessant ist, macht Unterrichten schwierig: Wenn Deutsch in Elternhäusern keine „Geschäftssprache“ ist, wie kann dann ein normaler Unterricht, und wenn er auch noch so modern aufbereitet wurde, mit Lernzielen und -Erfolgen abgehalten werden? Man setzt sich ja auch nicht in den Hörsaal einer japanischen Universität und hofft auf ein Wunder, wenn man der Sprache nicht mächtig ist. Tiefgreifende soziale Probleme der Klientel sorgen zudem für einen gar nicht alltäglichen Alltag an Hauptschulen.

Das war nicht immer so. Zu Zeiten, als es noch Arbeitsplätze en masse gab für Bergleute, Arbeiter und Handwerker, war die Hauptschule die Schule der Wahl. Deshalb heißt sie ja auch „Haupt“-Schule: Sie war die Schule für jeden, die aus der Volksschule hervorgegangen war, die Schule, die für eine grundlegende Bildung und Berufsvorbereitung sorgte. Daneben gab es Gymnasien, auf denen man formal gesehen die Hochschulzugangsberechtigung erwarb und Realschulen mit Realien für die erweiterte Grundbildung.

Joachim Eckardt wünscht sich ein Umdenken in der Schullandschaft: Für die Zukunft fordert der Sprecher der Dortmunder Hauptschulen längeres, gemeinsames Lernen in der Grundschule bis Klasse 6 und dann eine echte Gemeinschaftsschule, eine Schule für alle. Mit einem gymnasialen Zweig und einem, der auf die Ausbildung oder Lehre vorbereitet. Eine Schule, die allen Schülerinnen und Schülern gerecht werden kann.


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8 Kommentare

  1. Wolfgang 26. März 2009 · 23:00 Uhr

    Das würde nur dazu führen, dass diese Gemeinschaftsschulen eine einzige grosse Hauptschule würden. Gerade das wollen die Eltern ja eben nicht, darum schicken sie ihre Kinder nicht auf die Hauptschule.

    Lasst die Gymnasien bestehen. Die leisten hervorragende Arbeit und bilden die zukünftige Elite unseres Landes. Das hohe Niveau vieler deutscher Gymnasien, insbesondere der in Süddeutschland, ist unbestreitbar.

  2. Wolfgang 26. März 2009 · 23:04 Uhr

    P.S.: Die Hauptschulen sollen ihre Probleme selbst lösen. Die Lehrer, Eltern und Schüler sollten sich mehr anstrengen. Wir wollen keine sozialistische Einheitsschule.

  3. Ulli Müller 27. März 2009 · 10:41 Uhr

    Ja lieber Wolfgang,

    für einen Ideologen eines muffigen Schulsystems sind deine Einwände sehr schwach, aber auch die SPD hat sich überall und immer schwer getan die pädagogisch, sozialen, gesellschaft notwendigen, längst überfälligen Reformen im Bildungswesen, insbesondere Schullandschaft, um zu setzen.
    Derzeit pflegen und finanzieren wir nur den Eliteninzest und wie es schon in Berichten der UNO und anderen festgehalten wurde, halten wir wichtige und notwendige Ressourcen von den Bildungschancen fern. (Um das mal son bisschen systemkonform aus zu drücken.)
    Ganz zu schweigen über den Sinn/Richtung schulischer Aufgaben, Winnenden und andere lassen grüßen.

  4. Yvonne 27. März 2009 · 13:12 Uhr

    „Eine Schule für alle“ ist möglich.
    Inzwischen ist doch bewiesen, je länger Schülerinnen und Schüler gemeinsam lernen, desto besser sind die Ergebnisse nicht nur der Breite, sondern auch der Spitze. Heterogene Lerngruppen sind eben kein Hindernis für den Lernerfolg jedes einzelnen Schülers! Das ist wissenschaftliche Erkenntnis.

    Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem, dass das mehrgliedrige Schulsystem auch volkswirtschaftlich ein Wahnsinn ist. Viele einzelne Schulen unterschiedlicher Typen kosten Geld. Dieses Geld ist in einer Bündelung aller pädagogischen und therapeutischen Kompetenzen, die gerade an Förder- und Hauptschulen heute schon vorhanden sind, besser angelegt. Das ist eine Investition für Kinder, eine Investition in die Zukunft von NRW!

  5. Wolfgang 27. März 2009 · 23:10 Uhr

    In Deutschland gibt es kein deckendes Gesamtschulsystem. Das wäre auch gar nicht durchsetzbar. Das historisch gewachsene Schulsystem in Deutschland ist das dreigliedrige Schulsystem, das sich bewährt hat. Hier lernen die Schüler nach ihren Befähigungen unter angemessenen Bedingungen. Mit diesem Schulsystem ist Deutschland zum Industrieland, zum Wirtschaftswunderland, zum Land der Nobelpreisträger (vor der Nazi-Barbarei), zum Exportweltmeister und zur Wirtschaftslokomotive Europas geworden. Wie Bayern beweist, kann das dreigliedrige Schulsystem auch in den Hauptschulen Hervorragendes leisten.

    NRW sollte von seinen unter roter und rot-grüner Ägide vernachlässigten Schulen nicht auf andere Länder schliessen. Auch die werte Frau Kraft war mal einige Jahre NRW-Bildungsministerin. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie da viel gerissen hätte.

    Auch die SPD will nicht das dreigliedrige Schulsystem abschaffen, hat es in Jahrzehnten der Regierungsverantwortung in NRW auch wohlweislich beibehalten, trotz aller Verbalradikalität. Die meisten Eltern wollen auch nicht, dass ihre Kinder zwangsweise Schulen besuchen müssen, in denen es womöglich von sprach- und verhaltensgestörten, gewalttätigen und lernunfähigen Schülern nur so wimmelt. Das wäre womöglich Neuköllner Schulniveau en gros, mit Metalldetektoren und Wachdiensten an den Eingängen. Triste Verwahranstalten, Brutstätten der Gewalt und Kleinkriminalität. In diesem Klima kann man nicht lernen und gedeihen. Das kann begabten Kindern nicht zugemutet werden.

    Auch der Verweis auf die angeblich so erfolgreichen Gesamtschulen in den kleinen skandinavischen Ländern hinkt. Deren Verhältnisse sind auf Deutschland gar nicht übertragbar. Deutschland hat ein ganz anderes (föderales) politisches System und eine andere Bildungstradition.

  6. the Zonk 29. März 2009 · 22:38 Uhr

    Es muss auch Eliten geben, es können nicht alle gleich dumm gemacht werden.

  7. Ulli Müller 30. März 2009 · 15:02 Uhr

    Naja,

    unsere plumpen Gymnasiumvertreter haben sich ja selbst entlarft:
    Wie kann man schreiben, das System hat sich bewährt, wenn nicht nur internationale Untersuchungen genau das Gegenteil beweisen?

    Wolfgang schreibt, es geht darum unter sich zu bleiben, man will „böse“ Schüler fernhalten („dass ihre Kinder zwangsweise Schulen besuchen müssen, in denen es womöglich von sprach- und verhaltensgestörten, gewalttätigen und lernunfähigen Schülern nur so wimmelt. Das wäre womöglich Neuköllner Schulniveau en gros, mit Metalldetektoren und Wachdiensten an den Eingängen!“)
    Nicht vergessen, in Erfurt war es ein Gymnasium, und im Ländle eine Realschule!
    Lieber Wolfgang, was euereins fürchtet ist die offene Konkurrenz!
    Für eine offene, demokratische Gesselschaft ist unser Schulsystem eine Katastrophe, weil es nach Herkunft selektiert und nicht nach Fähigkeiten!!

    Und wie Zonk schreibt, brauchen wir Institutionen für Pseudoeliten und andere Einrichtungen, die die schlauen verdummen („es können nicht alle gleich dumm gemacht werden.“)
    , damit die (Mit-) Herrschenden an den großen Futtertrögen bleiben.
    Und diese Angst, dass die Anderen mir (oder meinen Kindern) was wegnehmen könnten, lässt leider auch Sozialdemokraten am dem Schulsystem des letzten Jahrtausend festhalten.

    Für uns alle ist diese Haltung aber kontraproduktiv.
    Vielleicht schafft man irgendwann, die Erkenntnisse und daraus resultierenden Reformforderungen aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts irgendwann mal umzusetzen. Aus dieser Zeit gibt es schon einen Versuch, der immer noch läuft, eine Schule für alle, genannt Waldorfschule***!

    Was allen klar sein sollte, um aber eine gute Schule zu haben, bedarf es mehr, als alle nur mal schnell in ein Schulgebäude zu stecken!!

    *** ich kann nicht meinen Namen tanzen. Habe dieses Beispiel nur gewählt, da viele Lehrer ihre Kinder in díe WDS schicken, weil alle anderen Schulen so viele böse Kinder haben!!!

  8. Ulli Müller 30. März 2009 · 22:08 Uhr

    Richtig Blueszonk,

    das hat die SPD in der Tat, erste Schritte gewagt und darum die Gesamtschule eingeführt!
    Zumindest von den Reformbetreibern innerhalb der SPD sollte die GS mehr sein als nur Bildungsfabrik und angebliches Chanchengleichheitsinstitut! Soziales Lernen sollte im Mittelpunkt stehen, Ganztagschule mit pädagogischer Betreuung sollte folgen, …! Alles wurde dem schnöden Goldenen Kalb geopfert!
    Zur Frage der selbsternannten Eliten: Meines Wissens hatte die NSDAP außer im Hochschulbereich in der Weimarer Republik keine absoluten Mehrheiten vorzuweisen.

    Sozialdemokraten sind für Elitenförderung:
    Du weißt doch, Sozialdemokraten sind auch nur Menschen, dass heißt, auch sie können irren!

    Und in einem klugen, sozialen Bildungssystem ist (wäre) für alle Platz!
    Sogar für dich!

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