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Heute ist der erste Verhandlungstag. Vertreterinnen und Vertreter von Verdi und GEW treffen sich mit Arbeitgebern zu Tarifverhandlungen. Die Erzieherinnen in nordrhein-westfälischen Kindertagesstätten streiken seit Tagen. Bis heute haben etwa 25 000 Beschäftigte ihren Streik fortgesetzt. Sie streiken wegen schwer zu ertragender Arbeitsbedingungen, Bedingungen, die krank machen können: Wenig ergonomische Sitzmöbel in den auf Dreikäsehochs ausgerichteten Räumen sind nur ein Punkt, eine enorm hohe Lärmbelastung, die durch bessere Geräuschdämmung zu verringern wäre, ein anderer. Aber im Zentrum steht wohl seit dem sogenannten „Kinderbildungsgesetz“ (KiBiz) der Landesregierung die immer mehr zunehmende Gesamtarbeitsbelastung, die vor allem dem Personalabbau bei gleichzeitig höheren Arbeitsanforderungen anzulasten ist.

Doch was hat die Erzieherinnen gerade jetzt zum Arbeitskampf bewegt? „Die Situation hat sich in der letzten Zeit dramatisch verändert“, sagte Gabriele Schmidt, die Leiterin des verdi-Landesbezirks NRW heute dem WDR. Die Situation an Kindergärten und Kindertagesstätten sei immer belastender geworden, durch Arbeitsverdichtung, Personalabbau und größere Gruppen. Vermehrt werden heute Kinder unter drei Jahren bereits in Kitas betreut. Diese Mehrbelastung wird aber nicht von mehr Personal aufgefangen. Zudem beklagen Sozialpädagogen und Sozialarbeiterinnen, dass für sie die Zahl der zu betreuenden Fälle dramatisch zugenommen hat – auch schon an Kindergärten.

Eine sehr bedenkliche Entwicklung, verrichten diese Frauen und auch einige Männer doch eine Aufgabe, deren gesamtgesellschaftlicher Wert kaum zu hoch einzuschätzen ist. Je früher ein Kind positive Bindungen erlebt und unter wohlwollender Teilnahme eigenständig Kompetenzen erwirbt, die sein Selbstwertgefühl stärken, desto weniger läuft es Gefahr, später zum Außenseiter zu werden. Kann dies etwa aus ökonomischen oder sozialen Schwierigkeiten nicht in der Familie passieren, bilden Erzieherinnen und Erzieher als wichtige Bezugspersonen des Kindes im wahrsten Sinne des Wortes einen „Hort“ der Geborgenheit und Zuwendung, beides wichtige Faktoren für eine gesunde Selbstwertentwicklung beim Kind – eine Aufgabe, die aus meiner Sicht für unsere Gesellschaft um vieles wichtiger ist als so mancher Bürojob.

Als eine Auswirkung des KiBiz sieht Gabriele Schmidt einen „dramatischen Stellenabbau. Das spüren auch die Eltern“, sagte sie heute dem WDR und bezieht sich dabei auf eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung. Zudem sei die Krankheitsquote enorm gestiegen. Sie betrage zum Teil bis zu 36 Prozent. Doch warum hat das vollmundig Förderung versprechende KiBiz diese Folgen? „Das KiBiz macht durch die Finanzierung das Gegenteil davon, was es theoretisch will. Die Einrichtungen kürzen, weil sie die Finanzierung nicht aufbringen können“, sagt Schmidt. „Wir haben immer eine personelle Mindestbesetzung in den Gruppen gerade für den Unter-drei-Bereich gefordert. Gerade bei jüngeren Kindern ist eine intensive Betreuung erforderlich.“ Deshalb müsse das KiBiz revidiert werden. Man kann nicht einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz sich auf die Fahnen schreiben, ohne diesem personell auch zu begegnen. Dem Ausbau der Betreuung von Unter-Dreijährigen muss eine deutliche Aufstockung des Personals folgen, damit aus qualitativ guter Betreuung nicht eine bloße Verwahrung wird. Aber das „ist dem Gesetzgeber letztlich egal“, so die Leiterin von verdi NRW.

Was sollte konkret für die Erzieher getan werden? Die Gewerkschaften forderten jetzt einen Gesundheitstarifvertrag für Erzieherinnen. Es soll für jede Erzieherin eine Gefährdungsanalyse mit möglichen Verbesserungsvorschlägen geben. In manchen Kindergärten sind die Wände so dünn, dass im Gruppenraum die Geräusche der anderen Spielgruppen noch auf den schon herrschenden Lärmpegel aufaddiert werden. Das Mobiliar in Kindergärten ist kindgerecht, aber nicht erziehergerecht. Eine stundenlang eingenomme Sitzhaltung in einer Höhe von 34 Zentimetern kann auf die Bandscheiben gehen. Eine Lösung wären hier Tische auf Erwachsenenhöhe mit Hochstühlen für die Kinder. Immer größere Gruppen und vermehrt „schwierige“ Kinder sorgen für größere Belastungen – physische und psychische. Eine deutliche Aufstockung des Personals an Kindergärten würde hier für spürbare Entlastung sorgen.


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2 Kommentare

  1. The Zonk 28. Mai 2009 · 12:17 Uhr

    Das Recht eines jeden Kindes auf einen Kindergartenplatz stammt aus der Ära Schröder – sogar vom Medienkanzler himself, aus seinen Anfangszeiten! Auch damals kam die Frage auf, wie dies zu bezahlen sei.
    Insofern trägt die SPD eine gigantische Mitschuld an dem Debakel, wurde doch von uns die Sache mit dem Rechtsanspruch auf einen KiGaPlatz medienwirksam kommuniziert.
    In NRW hatten wir die Chance, 30 Jahre lang diesem Mißstand zu begegnen :-)

    Frage ist, wie wir nun rauskommen, so als Partei. Die Lösung kann nicht sein, KEIN Geld zu investieren. Kinder sind Zukunft, so der Slogan, und Bildungschancen (auch im Kindesalter) dementsprechend Granten für Chancen in derselben. Ergo brauchen wir Konzepte…. haben wir auch die Köpfe für deren Entwicklung, oder springen wir nur auf einen Demo – Zug auf, weil es Wahljahr ist?

    Merle, in der Sache wars ok, in der Darstellung wie immer weitschweifig… Journalismus ist halt immer noch nicht Dein Ding!

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.