Nach unseren erfolgreichen Videos über Rüttgers‘ Welt, die auf den Amateur-Videoaufzeichnungen eines Jusos beruhten, hat sich die CDU wohl gedacht, „Wir machen jetzt mal die totale Gegner-Überwachung“. Jetzt hat die CDU eine Produktionsfirma beauftragt, Auftritte von Hannelore Kraft professionell und systematisch zu filmen.

Das ist Anlass genug, sich an die Mutter aller Gegnerbeobachtungsvideos zu erinnern: den Fall George Allen. Der republikanische US-Senator des Staates Virginia tritt bei den Senatwahlen 2006 gegen seinen demokratischen Herausforderer Jim Webb zur Wiederwahl an. Am 11. August 2006 tritt Allen bei einer Wahlkampfveranstaltung in Breaks, Virginia, auf, wo ihn S.R. Sidarth, ein freiwilliger Wahlhelfer der gegnerischen Demokraten, filmt. Allen kennt den indischstämmigen jungen Mann bereits vom Sehen – Sidarth begleitet jeden Auftritt Allens mit seiner Kamera und ist dem Senator schon einmal vorgestellt worden. Diesmal spricht Allen den jungen Filmer in seiner Rede vor Publikum – und vor der laufenden Kamara Sidarths – direkt an:

„This fellow here over here with the yellow shirt, Macaca, or whatever his name is. He’s with my opponent. He’s following us around everywhere. And it’s just great. We’re going to places all over Virginia, and he’s having it on film and it’s great to have you here and you show it to your opponent because he’s never been there and probably will never come. […] Let’s give a welcome to Macaca, here. Welcome to America and the real world of Virginia.“

Allen bezeichnet Sidarth zweimal als „Macaca“, und das, obwohl ihm ein exzellentes Gedächtnis für Namen nachgesagt wird. Sidarth ist der einzige Anwesende, der keine weiße Haut hat und empfindet diese Anrede verständlicherweise als Beleidigung.

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Natürlich stellen die Demokraten das Video online und nutzen es für ihre Kampagne. Es entspinnt sich eine Diskussion über Herkunft und Bedeutung des Wortes „Macaca“. Die Demokraten führen das Wort unter der Bedeutung „Makake“ auf die rassistische Bezeichnung frankophoner weißer Nordafrikaner für schwarze Afrikaner zurück – und aus diesem Kulturkreis ursprünglich aus Frankreich stammender weißer Familien in Tunesien oder Algerien („Pied-noir“) stammt Allens Mutter.

Allen selbst lässt am 15. August verbreiten, er habe mit dem Wort auf Sidarths Irokesenhaarschnitt anspielen wollen. Allens Crew habe Sidarth inoffiziell als „Mohawk“ bezeichnet, was dem deutschen „Iro“ entspricht. Er habe „Mohawk“ mit „Macaca“ verwechselt.

Am 16. August erzählen zwei Supporter der Republikaner dem National Journal, „Macaca“ sei ein Neologismus aus „Mohawk“ und „Caca“, französisch bzw. spanisch für „Kacke“.

Wenn nicht zu diesem Zeitpunkt längst geschehen, beginnt sich der Vorfall zu verselbständigen. Allen kämpft mit allen Mitteln dagegen und behauptet zuletzt, er habe das Wort selbst noch nie zuvor gehört, es sei eine spontane Eingebung gewesen. Zeitgleich gibt es eine öffentliche Diskussion um Allens religiösen Hintergrund. Nach einem Fernsehauftritt, bei dem Allen seine in der Tat vorhandenen jüdischen Wurzeln abstreitet, wird Allen hart angegriffen. Allen kontert, seine Mutter habe diese Herkunft verbergen wollen, was wiederum eher schräg rüberkommt. Die Gegner greifen jedes Gezappel dankbar auf und versehen Allen zuletzt mit dem seinerseits rassistischen Spitznamen „Macacawitz“, der eine Anspielung auf den jüdischen Hintergrund sein soll.

Zuletzt wird „Macaca“ von der Non-Profit-Organisation Global Language Monitor, die sich ähnlich der deutschen „Gesellschaft für deutsche Sprache“ einer kritischen Beobachtung des Amerikanischen Englisch verschrieben hat, zum „Politisch unkorrektesten Wort des Jahres 2006“ gewählt.

Die Senatswahl hingegen ging für George Allen nicht erfolgreich aus – er wurde abgewählt. Sein Herausforderer Webb erhielt eine Mehrheit von nur 0,39 Prozentpunkten.


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