Es wird heutzutage immer schwieriger, guten Journalismus zu machen und vielleicht noch schwieriger, guten Print zu produzieren. Marktinteressen rücken zunehmend in den Vordergrund, der Anzeigenkunde ist König, der Nachwuchs hangelt sich von Praktikum zu Zeitvertrag zu Praktikum, kurz: die Krise macht auch vor den Zeitungsredaktionen nicht halt. Wo Stellen gestrichen werden, weniger Journalisten für mehr Inhalt verantwortlich sind, gar ganze Zeitungsredaktionen inhaltlich zusammengelegt werden wie jüngst geschehen bei der WAZ-Gruppe, geraten die Blattmacher unter Druck.

Natürlich gibt es sie, die Journalisten, die auch in dieser angespannten Situation im täglichen Geschäft versuchen, das Beste draus zu machen; und manch einer hat wohl im Laufe seiner Karriere mal davon geträumt, ein ganz neues, ganz eigenes Blatt zu kreieren, lokal vielleicht, aber anspruchsvoll, mit tollen Reportagen und intelligenten Hintergründen, und dann scheitert das Projekt wegen finanzieller Nichtdurchführbarkeit oder weil es nie über das Luftschloss-Stadium hinausgekommen ist. Aber: Heute kann man bloggen und spart sich damit eine Menge Kostenrechnungs-Nerven und dazu auch noch Papier.

Alfons Pieper ist zwar so nicht mehr von der Krise betroffen – er ist Rentner – aber als ehemaliger stellvertretender Chefredakteur und langjähriger Innenpolitikchef der WAZ, zuletzt Berlin-Chefkorrespondent, kennt er das Geschäft bestens. Jetzt hat er ein Blog ins Leben gerufen, nämlich www.wir-in-nrw-blog.de. Es will „kritischen Journalismus“ liefern und strebt mehr noch an, sogar investigativ zu agieren, und das ehrenamtlich. Anonymen Informanten wird es mit Tipps zur anonymen Nachrichtenübermittlung über Wegwerfadressen besonders leicht gemacht. Die Autoren, denn hinter Pieper steht ein nicht namentlich genanntes Team, zeigen sich bewusst offen für Hinweise auf Missstände, Anregungen und Kommentare. Über sich selbst gibt man sich etwas geheimnistuerisch – „Theobald Tiger“ nennt sich ein Autor, „Kaspar Hauser“ ein anderer – das sind Pseudonyme, unter denen Kurt Tucholsky veröffentlichte. Wie bei Tucholsky Pseudonyme des Chefs, um Vielfalt zu suggerieren? Oder WAZ-Weggefährten, die noch nicht in den Schutzraum des Rentenalters eingegangen sind? Die kritische Haltung wird jedenfalls beibehalten, auch wenn es um die journalistische Herkunft des Frontmanns Pieper, die WAZ, geht.

In einem hochinteressanten Artikel geht es etwa um den Vierer-Männerclub der NRW-CDU, bestehend aus Rüttgers, Wüst, dem Pressesprecher Matthias Heidmeier und dem Rüttgers-Spezi Boris Berger, dem Abteilungsleiter aus der Staatskanzlei, dessen Einfluss zuletzt durch die Art und Weise anschaulich wurde, wie er in E-Mails Hendrik Wüst zusammenstauchte, die im Zuge der Kameraüberwachung Hannelore Krafts an die Öffentlichkeit gelangten. Über Berger und die WAZ heißt es im Wir-in-NRW-Blog:

„An seiner Seite lernte Heidmeier schnell die Tricks im politischen Geschäft. Heute verfügt der Kommunikationschef der Landes-CDU selbst über ein funktionierendes Netzwerk von gefälligen Journalisten, die bereitwillig das aufschreiben, was gewünscht wird. Und wenn es dann mal hakt, wird Berger selbst aktiv. Dann wirbt er bei vertrauten Journalisten, so wird berichtet, schon mal für die richtige Sichtweise und pflegt einen engen Kontakt zum mächtigen WAZ-Konzern mit den vier NRW-Blättern.“

Da denkt man Sätze, die mit „Endlich mal einer“ anfangen und ist dankbar. Es ist schön, dass neben der Landespolitik auch Berichterstattung und -erstatter und allgemein der Filz kritisch unter die Lupe genommen werden. Dies geschieht etwa auch in Artikeln über den Kölner Stadtanzeiger oder die Rheinische Post. Besonders begrüße ich natürlich die ausführliche Berichterstattung über die Affäre Wüst. Hier tritt das Blog als Instanz auf, die bewusst der Landesregierung auf die Finger schaut, und dabei über ein enormes Hintergrundwissen verfügt, besonders, was Personalien angeht.

Und wieder wurmt es einen ein bisschen, dass man nicht mehr über die weiteren Autoren erfährt. Wenn man jetzt mutmaßen möchte, dass möglicherweise gar nicht ein Autorenkollektiv, sondern eher eine multiple Persönlichkeit dahinter stehe – in diesem Fall fände ich die muntere Kommentiererei unter Pseudonym zu selbstgeschriebenen Artikeln nicht gelungen – das ist aber reine Spekulation. Insgesamt macht die teilweise ungeklärte Urheberschaft das Blog in meinen Augen, auch aufgrund des bekannten Namens, der dahinter steht, nicht weniger glaubwürdig.

Neben süffigen, aufschlussreichen Artikeln gibt es eine Dokumenten-Kategorie, in dem bisher PDFs zur Wüst-Affäre hinterlegt sind. Wieder wird deutlich, dass die Autoren auf Spezialwissen und alte Bekannte zugreifen, die auch mal interne Briefwechsel zuspielen.

Von der Struktur her ist nicht alles ganz optimal, es fehlen unter den Artikeln Hinweise auf thematisch ähnliche, auch wird nicht in allen Ansichten klar, welche Artikel es insgesamt schon zu einer Kategorie gibt.

Insgesamt jedoch halte ich den neuen Auftritt für gelungen und bin gespannt auf neue Artikel.


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3 Kommentare

  1. The Zonk 12. Dezember 2009 · 3:56 Uhr

    Skandälchen aufgebauscht, statt gute Politik abzuliefern; substanzlose, vermeintlich journalistische Kinderkacke, – Voilà, NRW- SPD- Blog 2009/10. Nee danke, das wird mir hier im Blog mittlerweile zu billig.

    Viel Spass noch, Merle! Mach Deine Nummer hier alleine, das hat keinen Geist, keinen Inhalt!

    @ Bluesman
    Ich frag mich, warum ich hier dann und wann noch reinschaue…. Hau rein, Alter, vielleicht lesen wir uns hier in ein paar Jahren wieder

    @ Ulli Müller:
    Dem Selbstgerechten genügt es nicht nur, keine Meinung zu haben, er muss auch unfähig sein, sie auszudrücken. Versuch von daher mal, das Nichts, das Dich ausfüllt, hier an solchen Merles weiter abzuarbeiten!

    Als „the Zonk“ mach ich hier mal Pause, das wird mir zu niveaulos bzw. zu blöd. Kommt ja niggs spannendes mehr hier.

    Tschüss Kinners, vielleicht ist ja in vier Jahren mal wieder was interessantes drin, was die Partei weiterbringen könnte… Allein mir fehlt der Glaube…

  2. Bluesman 12. Dezember 2009 · 9:26 Uhr

    Moin Zonk
    Ich kann deine Entscheidung gut nachvollziehen.Mir gehts doch genau so.
    Man liest sich….wenn nicht hier – dann wo anders.
    Bis denne

    Bluesman

  3. Alfons Pieper und “Wir in NRW” – blogger Missbrauch oder blogge Parteidummheit? | Deine - Meine - Unsere BRD 10. Mai 2010 · 7:02 Uhr

    […] existieren bereits Berichte von Kollegen, die diesem “Schlagtotjournalismus” mit Parteienbindung kritisch gegenüberstehen. Und auch im Internet bekommt der freundlich lächelnde Fussel – […]

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.