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Es ist nicht das erste Mal, dass ich das Landtagsgebäude in Düsseldorf betrete. Jeder wird sich noch zu gut an diverse Besuche zu Schulzeiten erinnern, mithilfe derer  den Schülern „Appetit“ auf die Politik gemacht werden sollte. Doch vielleicht geht es einigen ähnlich, denn ich erinnere mich hauptsächlich an die appetitanregenden geschmierten Brötchen, die es gegen Ende des Rundgangs in der Kantine zu bewältigen galt.

Doch jetzt ist es doch anders. Ich befinde mich sozusagen „auf der anderen Seite“, denn ich mache ein Praktikum in der Pressestelle der SPD. Mein Auftrag für heute führt mich gegen 20.00 Uhr in den SPD Fraktionssaal, an dem heute Abend eine Gesprächsrunde zu Thema Gemeinschaftsschulen stattfinden soll. Bereits beim Betreten des Landtagsgebäudes habe ich das typische Besuchergefühl abgelegt, irgendwie gehöre ich ja jetzt dazu. Nachdem ich die Doppeltür zum Fraktionssaal passiert habe muss ich mich zunächst orientieren: Beinahe alle Plätze sind belegt, das Thema Gemeinschaftsschule scheint wichtig und nachgefragt. Kaffeduft hängt in dem Raum, Renate Hendricks, Mitglied der SPD-Landtagsfraktion NRW, hat bereits mit der Einführung in das Thema begonnen. Während ich mir einen Platz suche, höre ich ihr aufmerksam zu.

Sie begründet die notwendige  Umsetzung des Gemeinschaftsschulprojekts mit der ungerechten und unproduktiven Verfahrensweise unseres gegenwärtigen Systems. „Ein großes Problem  ist, dass sich unser aktuelles Schulsystem auf negative Faktoren bzw. Sanktionen stützt, wie z.B. dem Sitzenbleiben“, betont sie.  Seit mehreren Jahren gibt es den Trend, dass immer mehr Kinder statt an den Hauptschulen, die für ihr schlechtes Image und geringe „Aufstiegschancen“ berüchtigt sind, an Real- und besonders an Gesamtschulen angemeldet werden. Die unbeliebten Hauptschulen kämpfen mit geringem Schülerzuwachs. Für dieses Problem biete das vorliegende Schulsystem keine Lösung.

Eine Änderung des Schulsystems sei gerechtfertigt und sinnvoll. Eine landesweite Umstellung wird es dennoch vorerst nicht geben, nicht nur aus Kosten- und Organisationsgründen. Auch soll sich das neue Schulmodell im Schulversuch zunächst etablieren, bevor es an die Gesetzesänderung geht.

Renate Hendricks übergibt das Wort an Ulrich Thünken aus dem Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW, der nochmals die Problematik des aktuellen Schulsystems als auch das Modell der Gemeinschaftsschule vertiefen wird. Ich mache es mir auf meinem Stuhl in der letzten Reihe des Saals bequem. Während die Sonne draußen langsam dem Abend platzmacht, springen über unseren Köpfen Monitore an und die erste Folie der Präsentation wird eingeblendet.

„Die Ungerechtigkeit unseres Schulsystems beginnt bereits unmittelbar nach der 4. Klasse. Nämlich dann, wenn es darum geht, welche Schule für ein Kind empfohlen und letztendlich ausgewählt wird“, geht  Thünken das erste Problem an. Es sei erwiesen, dass Kinder aus der Oberschicht bei gleicher Leistung durchschnittlich für eine höhere Schule empfohlen werden als Kinder aus unteren Schichten. Dieser oftmals falschen und voreilligen Entscheidung soll durch eine gemeinsame Orientierungsstufe in der 5. und 6. Klasse nach Vorbild der Gesamtschule entgegengewirkt werden. Jede Schule soll dann ab der 7. Klasse entscheiden, ob sie weiterhin alle SchülerInnen gemeinsam unterrichten möchte oder eine Aufteilung nach Leitungsstärke in den einzelnen Fächern vorzieht. Besonders für kleinere Gemeinden mit wenigen oder nur einer weiterführenden Schule bietet das Konzept der Gemeinschaftsschule großes Potenzial. So ist es beispielsweise möglich, die Schule auf zwei Schulgebäude aufzuteilen. Außerdem können  Schulen ohne vorhandene Oberstufe, wie z.B. in der Gemeinde Ascheberg, mit anderen Schulen Vertäge abschließen und Schüler, die einem höheren Schulabschluss anstreben, an andere Schulen „abgeben“. Außerordentlich wichtig sei es hierbei allerdings, dass die Eltern schon bevor sie ihr Kind auf der jeweiligen Schule angemeldet haben, über alle Möglichkeiten und Abschlüsse informiert werden, betont Thünken. Außerdem hob er hervor, dass  an allen Gemeinschaftsschulen Standards eingehalten werden müssen, die einem Kind, das beispielsweise umzieht,  den Besuch eines Gymnasiums, einer Real- oder Hauptschule ermöglichen.

Momentan berät das Ministerium bereits Gemeinden, denn wer noch zum nächsten Schuljahr Schüler über den Gemeinschafts-Schulbetrieb aufnehmen möchte, muss sich bereits bis November entschieden haben. Sören Link, Mitglied der SPD-Landtagsfraktion NRW, betont an diesem Punkt, dass dies aber keinesfalls zu überstürzten Entscheidungen führen soll. „Wir möchten lieber wenige, gut funktionierende Gemeinschaftsschulen ab 2011 als viele unorganisierte“, ergänzt er Thünken.

Nun leitet er die Diskussionsrunde ein, in der alle Anwesenden dazu aufgefordert sind Fragen, Anregungen und Zweifel zu formulieren. Beispielsweise  wurde der Unterschied zwischen den breits bestehenden Gesamtschulen und den neuen Gemeinschaftsschulen erläutert. Denn die Gemeinschaftsschulen können sich durch ihre Flexibilität ortsspezifisch länger anpassen. Außerdem wird erklärt, dass man unter gymnasialen Standards all jene Angebote verstehen kann, die an einem Gymnasium zu finden sind, wie z.B. dem Erlernen einer 2. Fremdsprache in Klasse 7. Weiterhin merkt Link an:“Wir legen großen Wert darauf, dass im Konsens entschieden wird. Man kann solche Entscheidungen nicht über die Köpfe anderer Beteiligter hinweg treffen.“ Hans Sicking aus dem Münsterland zweifelt an der Durchsetzbarkeit des Vorhabens:“ Ich stelle fest, dass die neue Schule in unseren Gemeinden nicht begrüßt wird, mir erscheint es unmöglich eine solche Entscheidung im Konsens treffen zu können.“ Außerdem fehle es ihm an harten Fakten, die den Versuch der Gemeinschaftsschule attraktiv machen würden. Diese Einschätzung könne durchaus richtig sein, antwortet Thünken. Jedoch gäbe es durchaus zahlreiche ernsthafte Anfragen an das Ministerium. Es ist nur logisch, dass man Gemeinden, die keinen Nutzen in der Beteiligung  sehen, nicht zwingen kann. Gerd Möller aus Bochum sieht Chancen in den nicht hart abgegrenzten Lernstrukturen der Gemeinschaftsschulen: „Es sind genau diese Strukturen, die eine individuelle Förderung der Kinder behindern.“

Diese drei Ziele sind Schlagwörter der Veranstaltung: bessere Abschlüsse, Chancengleichheit und individuelle Förderung. All  das soll möglich sein mit der Umstellung auf den Gemeinschaftsschulbetrieb. Denn Gemeinschaftsschule heißt auch Ganztagsschule, oder zumindest mehr Zeit in der Schule zu verbringen. Und das wiederum bedeutet mehr Zeit für Billdungs- und Freizeitangebote.

Bevor ich mich auf den Heimweg mache blicke ich noch einmal durch den Saal: Alle  Anwesenden scheinen mit Hoffnungen und Wünschen dem Schulversuch entgegenzublicken. Vielleicht stellen wir in 3 Jahren fest, dass sich die Gemeinschaftsschule ebenso wie seinerzeit die Gesamtschulen etablieren. Dann stünde einem Angriff auf die Gesetzesänderung wohl nichts mehr im Wege.

Hier gehts zum Konzept der Gemeinschaftsschule.

Hier ist der Auszug aus dem Koalitionsvertrag zum Thema Bildungspolitik.


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2 Kommentare

  1. Landtagstalk zur Gemeinschaftsschule- Ein Abend voller … 9. Oktober 2010 · 1:19 Uhr

    […] den Beitrag weiterlesen: Landtagstalk zur Gemeinschaftsschule- Ein Abend voller … Tags:betreten, udes-habe, landtagsgeb, gegen-20-00, gespr, dem-heute, auftrag, SPD, fraktionssaal, […]

  2. The Zonk 9. Oktober 2010 · 20:37 Uhr

    Hi Folks!
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    Sommerpause vorbei? Dann auf!
    Musstet ihr mal wieder mit so einem trivialen Zeug das Sommerloch ausleuten – verspätet, aber doch?
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    Hm… wozu habt ihr denn die Sommerferien genutzt? Weiterbildung? WK -wohl kaum.
    Wie dem auch sei, es geht zur Sache:
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    Die SPD will also das Rad der Geschichte zurückdrehen und das Einheitsabitur für alle einführen – Gute wie Schlechte, sprachlose Migranten, zugezogene Harz – Fearer, dicke und dünne Schülerinnen und Schülers… na schön.
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    Erstens: Die Hauptschule ist mittlerweile zum Auffangbecken für alle diejenigen degradiert worden, die Du nur noch zu lebenslangen Hartz- fearern ausbilden kannst, Deutschkenntnisse nicht erforderlich. Die wenigen Schülerinnen und Schüler, die sich dort noch auf einen praxisorientierten Beruf vorbereiten wollen, werden eh kaputtgemobbt, wenn sie Leistung zeigen.
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    Die Lehrerinnen und Lehrer sind ohnehin die Aufwischer der Nation, da wird systematisch jeder Elan irgendwann zu kontrolliertem und z.T. sedierten Gleichmut. Dafür sind das Profis im Waffenerkennen und fremdländische Schimpfwörter- kennen.
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    Bei DER Frustration dieser Pädagogen ist die Rente mit 67 echt der Burner… ich kann es keinem verdenken, wenn er angesichts dieser Arbeitsbedingungen innerlich kündigt, aus Gewerkschaft und SPD austritt.
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    Zweitens:
    Die Gesamtschule tötet die Elite, die wir als Land der Dichter und Denker bzw. Wissenschaftselite- Nation benötigen: Gleichmachererei, gering(wertig)e Anforderungen, keine Ausrichtung an internationalen Standards, lediglich focussierung auf statistisch produzierte Hochschulkandidaten, die nach den ersten Semestern gleich wieder von der Uni fliegen.
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    Drittens:
    Die Integrationsarbeit, die die Realschule leistet, um Schülerinnen und Schüler in einen Beruf, also in „das Leben schlechthin“ zu integrieren, entfällt völlig.
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    Aber können wir uns ja alles leisten, nicht wahr? Breimacherei statt Excellenz, German Sonderweg statt sich an internationale Standards anzugleichen, Hartz IVer produzieren, statt denen, die derzeit zwischen Realschule und Hauptschule stehen, noch einen Berufseintritt zu ermöglichen, Krassdeutsch statt deutsch – HURRAA SPD!
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    Nur weiter mit solchen Schulversuchen – der Name ist Programm!

Alles was zwischendurch passiert. Wir schreiben’s auf.